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Hallo Sprayer

Von Martina Bischof 11. Oktober 2013 Keine Kommentare

Vor kurzer Zeit habe ich einen Film gesehen, eine Art Selbstreportage Eurer Sprayergruppe. In den Genuss der Darbietung kam ich wie die Jungfrau zum Kind, versehentlich. An dieser Stelle soll auch gesagt sein, dass ich mich in der Sprayerszene kein bisschen auskenne. Nullkommanull. Ich mag Graffitis, habe mich aber nie wirklich mit Inhalten oder Techniken, Geschichte oder allenfalls gesellschaftspolitischen Hinter- oder Beweggründen befasst. Soviel zu meiner Annäherung. Ich wage es also, mir ein Bild zu machen.

Ich fand den Film fantastisch. Ich fand den Film befremdend.

Eingangs beschrieb er das Making-of einer Aktion, die Herstellung von «Munition». So wurden Eierschalen mit Farbe gefüllt, und den Szenen fehlte es kein bisschen an Sexiness und Dynamik. Das finde ich und hätte nicht ungerne mitgeholfen. Meine Augen glänzten, ganz im Ernst, ich erwartete eine Provokation der gekonnten Art – nach diesem formidablen Einstieg. In der Luft lag ein kleines verbotenes Etwas und meine Neugier wuchs. Was sich aus der Szene schliesslich entfaltete, war die Darstellung verrückt gekonnter, mit grandioser Energie präsentierter Organisation, koordinativ-logistisch auf dem höchsten Niveau. Ich war beeindruckt.

Dass insgesamt alle Aktionen zu Lasten der SBB gingen, sei mir an dieser Stelle vollends bewusst, denn die Darbietungen beinhalteten die Umgestaltung von Zugfassaden während Stellwerkspausen und kurzen verkehrsbedingten Zugstopps, welche von Euch Graffitikünstlern perfekt getimed, genutzt wurden, um den Zügen Euer Design zu verpassen. Soviel zur Information aller Leser. Man darf an dieser Stelle ja schon von Vandalismus sprechen, ob man nun das Umgestalten von SBB-Eigentum – unter welchen Umständen auch immer – für gut befindet oder nicht.

Meine Erwartungen jedenfalls schnellten in die Höhe nach diesem Auftakt. Man kann getrost von Aufregung sprechen. Ich freute mich auf Inhalte!

Das Parasitäre Eurer Schriftzüge auf den fahrenden Wagen – ihr Auftreten und Verschwinden im Bild, über das Viadukt in den Tunnel hinein, über Brücken und vorbei an allerlei städtischer Infrastruktur – hatte etwas sehr Poetisches. Die Züge schlängelten sich durch die Landschaft und die Stadt, immer und logischerweise auf ihren Schienen, das Graffiti selbstverständlich von Ort zu Ort tragend. Mit Glück wird heimlicher Zeuge einer Aktion talentierter junger Menschen mit Tatendrang, wer die Augen offen hält.

So. Was mich schliesslich befremdete war, dass ich nach wiederkehrenden ähnlichen Szenen vergeblich nach Inhalten suchte. Wo waren die bloss? Es wollten sich mir ums Verrecken keine Inhalte präsentieren. Jedenfalls keine, die ich hätte lesen können. Als hättet Ihr keine Anliegen! Weit und breit keine brennenden Fragen der Jugend an die Gesellschaft. Keine Forderungen. Keine wahre Aufmüpfigkeit. Keine Urteile. Keine Positionen. Abgesehen von der subversiven Anmutung eines damit rein vandalistischen Aktes, konnte ich keine Reibungssuche erkennen. Ich stellte einzig die Demonstration einer graphischen Lust fest, die sich im Rezitieren des meist gleichen Schriftzuges in der immer gleichen graphischen Sprache manifestierte.

Was ich sagen will, ist – ich wollte Eure Meinungen. Euren Sexappeal. Eure Bezugnahmen und Eure Standpunkte. Ich wollte Euren Witz und Eure Haltungen verpackt in Eure Sprache, dem Graffiti. Ich wäre höchst interessiert gewesen an der Darstellung Eurer Auffassungen und Eurer Urteile. Das alles und damit die Frage: Was hat die Graffiti-Kultur zu sagen? Mit Gruss, MB

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