Menu

Heimat in der Fremde finden

Von Christoph Sigrist 12. Dezember 2013 Keine Kommentare

Ergeht es Ihnen bisweilen auch so, dass Sie nicht mehr glauben, dass etwas sein könnte, und dann trifft es doch ein? Auch bei einem Pfarrer ist es manchmal so, dass er nicht mehr glaubt, was er selber immer wieder für wahr hält. Und dann geschieht es doch. Lesen Sie, was mir vor ein paar Tagen widerfahren ist.

Ich rannte durch mein Vorzimmer in mein Büro, weil ich wieder einmal zu spät war. Mein Vorzimmer ist der Kirchenraum des Grossmünsters, mein Büro die Sakristei. Natürlich kam ich fast nicht durch «meine» Tür, weil Russen, Asiaten, Amerikaner und Europäer durch das Hauptportal herausdrängten. Endlich im Kirchenraum, war überall ein «Gschtürm».

Bis zu 300 Menschen stürmen pro Tag in das Grossmünster. Und «stürmen» ist nicht immer der falsche Ausdruck, denn vielfach haben die Touristen kaum Zeit und blicken schon beim Eingang auf die Uhr um festzustellen, dass sie bereits zu spät dran sind. Ich beschloss, statt in die Sakristei oberhalb des Chors zu gehen, mich für fünf Minuten bei der Turmkasse neben meinen Sigristen, Franco Gargiulo, zu setzen. Und nun malen Sie sich die Szene aus:

Da sitzen wir und reden über Gott und die Welt. « Da, schau» – Franco zeigt mit dem Finger auf eine Seite in einem alten Buch, «hier steht, wir hatten den Daumen von Karl dem Grossen als Reliquie hier bei uns. Im 14. Jhdt. ist der Daumen aufgeführt in einem Verzeichnis.» «Der rechte oder linke Daumen?». «Steht nichts geschrieben.»

Es entbrennt eine intensive Daumendiskussion über unseren stadtbekannten Karl und die für uns Reformierten nicht verständlichen Verehrungspraktiken, während Besucher um Besucher ein Ticket verlangt und auf den Turm stürmt.

Aus dem Augenwinkel beobachte ich schon seit längerem eine junge Dame, die sich wie in einem Slalomlauf zwischen den Menschen hin- und her bewegt und sich dann vor mir aufstellt. «Sie, darf ich Sie etwas fragen?» – Wir unterbrechen die heisse Diskussion über Reliquien und Karl den Grossen und blicken erstaunt zur jungen Dame. «Natürlich dürfen Sie!» Ihre offenen und fragenden Augen wecken mein Interesse.

«Nun, ich bin vor dem Abschluss des Studiums und werde im nächsten Frühjahr nach Zürich ziehen. Ich bin fest verankert in der kirchlichen Arbeit in meiner Gemeinde und bin heute mit meiner Kollegin nach Zürich gekommen, um die Wohnsituation zu klären. Und nun sind wir in der grössten Kirche Zürichs gelandet, und ich wollte Sie fragen, ob es hier auch eine Gemeinde gibt und ob es hier wohl möglich ist, Anschluss zu finden.»

«Anschluss finden? Da sind Sie zufälligerweise an die richtigen beiden Personen geraten. Das ist der Sigrist unserer Kirche und ich heisse Sigrist und bin Pfarrer der ganz normalen Kirchgemeinde hier im Dorf mitten in der Altstadt.» «Zwei Sigristen?» «Klar doch», lache ich, «wir haben ja auch zwei Türme, also braucht es auch zwei Sigristen!» Wir tauschen die Koordinaten aus und sie verspricht, am Sonntag in den Gottesdienst zu kommen. «Ich bin sehr froh, Sie getroffen zu haben, und ich komme zu Ihnen, wenn ich nach Zürich ziehe.»

«Das gibt es ja nicht», sage ich zu meinem Sigristen, «da predige ich jeden Sonntag, dass wir als Kirchgemeinde ein Ort sind, wo Fremde Heimat finden können. Wenn jemand nun tatsächlich solch einen Anschluss sucht und dafür in die Kirche kommt, bin ich völlig überrascht.»

Wo sind in unserer Stadt solche Anlaufstellen, wo man einfach hingehen kann, um Anschluss zu finden? Natürlich, Discos sind solche Stellen, Cafés auch, doch wären Sie auf die Idee gekommen, einfach ins Grossmünster zu gehen und die beiden Männer an der Turmkasse zu fragen?

Ich freue mich, wenn unsere Stadt zu einem solchen Raum wird, wo wildfremde Menschen andere ansprechen und so Anschluss finden, in Vereinen, Gruppen, Häusern und auch Kirchgemeinden.

Und wenn Sie diesen Wunsch am Heiligabend haben – nämlich Anschluss zu finden – dann kommen Sie doch einfach zum Karli (Karl der Grosse). Dort gestalten wir vom Kulturhaus Helferei und der Kirchgemeinde ab 18 Uhr die Offene Weihnacht. Weil unsere Helferei noch immer umgebaut wird, dürfen wir im Karl dem Grossen Gastrecht finden, haben sozusagen Anschluss gefunden.

Übrigens: Am letzten Sonntag glaubte ich, jene junge Dame im Gottesdienst hinter der Säule inmitten des vollen Grossmünsters gesehen zu haben.

Neueste Artikel von Christoph Sigrist

Kommentieren