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Hey Zürich: Frühling und Freiheit und so!

Von Silvan Gisler 24. März 2015 2 Kommentare

Ihr kennt sie: Die durch Sonnenstrahlen verursachte, alljährliche städtische Metamorphose von kaltem Beton zu heissem Stein. Kommt Frühling, kommt Glück – und plötzlich ist die Stadt Zürich ein andere. Doch während die Leute nach draussen strömen, wird der öffentliche Raum in der Schweiz zusehends domestiziert.

«Schatz, das Wetter ist wunderschön,
Da leid ich’s ich net länger zu Haus.
Heute muss man ins Grüne gehn,
In den bunten Frühling hinaus.
Jeder Bursch und sein Mädel.
Mit einem Fresspaketerl
Sitzen heute im grünen Klee:
Schatz, ich hab‘ eine Idee!
Schau, die Sonne ist warm und die Lüfte sind lau:
Geh ‚mer Tauben vergiften im Park!»

Wie jeden Frühling trällere ich Georg Kreislers (die Tauben haben ihn selig) Lied vor mich hin, hol mir mein erstes Glacé, lauf durch die Strassen und beobachte das Phänomen: Der Frühling verändert die Stadt und ihre Bewohner. Die zuvor noch von durchzechten Kellerparty-Winternächten erbleichten Zombies scheinen geheilt und hüpfen durch die Bäcki oder hechten auf der Josefs den Pingpong-Bällen nach. Frühling!

Grillieren, trinken, Musik hören, draussen sitzen, schwatzen, tanzen. Schön, oder? Ach was, ewige Hippie-Optimisten, sagen da die Kostenrechner und zählen auf: Abfall, Zigistümmel, Lärm, Rauch, Grillflecken. Und schon steht mir der Mond vor der Sonne und verdirbt mir sofort wieder die Laune. Denn ich denke an die Schlagzeilen, die da in diesem Frühling auf uns zukommen könnten:

  • «Grill-Vandalen verschandeln grüne Wiesen. Kontrollen werden verschärft»
  • «Biergelage auf der Bäcki: Wie die Jugend den Frühling versäuft»
  • «Nacht-Verkaufsverbot für Alkohol, aber subito»
  • «Machos machen Seeufer unsicher, nun spricht die Polizei Wegweisungen»
  • «Techno-Terror auf der Renten stört Rentner»
  • Anwohnerin Petra S: «Wann hört der Radau auf der Josefswiese endlich auf?»
  • «Littering am Letten, nun gibt’s Bussen»
  • «Video-Kameras gegen Abfallsünder»

Ich bin kein Freund von Sittenwächtern, Verkaufsverboten, Wegweisungen, bevormundender Präventionspolitik, Kameras, Einkesselungen, abmontierten Bänkchen zur Exklusion Randständiger, Bussen-Reflexen oder der Diskriminierung des Lärms durch das Patriarchat der Lärmkläger. Leider tendieren die Institutionen in urbanen Zentren dazu, auf als unerwünscht betrachtete Emission wie Musik, Abfall oder betrunkene Menschen mit Bussen und Verboten zu reagieren – und domestizieren die Städte damit zusehends: Bundes- und Ständerat wollen auf nationaler Ebene ein Nachtverkaufsverbot durchsetzen, Genf kennt das schon seit zehn Jahren und in Chur kann seit 2008 jeder gebüsst werden, der zwischen halb 1 und 7 Uhr auf öffentlichem Grund Alkohol konsumiert. Das Spuckverbot in Gossau (SG) löste 2009 ein grosses Echo aus. Inzwischen ist das Verbot auch in Zürich angekommen, beispielsweise in Wädenswil, Dübendorf, Uster, Dietikon, Bassersdorf… und auch Glattfelden verbietet das Spucken, sofern es «ohne Not» geschieht.

Die Stadt Zürich – «die zweitlebenswerteste Stadt der Welt» – bleibt von solchen Verboten noch verschont. Mit Blick auf Wegweisungen, Video-Überwachungs-Diskussionen und Erfahrungsberichte von Leuten, die ihr Biertrinken im Park rechtfertigen mussten, bleibt mir nichts anderes übrig, als frühzeitig den Mahnfinger zu heben: gegen die Tendenz, bei jeglichen «Störfaktoren» gleich den Staat einzuschalten.

«Erlaubt ist, was nicht stört», lautet ein bekannter Slogan der Stadt Zürich. Das ist zum einen bünzlig und zum anderen ein Problem. Denn irgendwas stört immer irgendwen. Und der Staat unterstützt die Abnahme der Toleranz gegenüber urbaner Lebensvielfalt, indem er sich unter anderem mit Wegweisungen zusehends die Bewertungs-Macht darüber, was stört, zuschanzt. Das alles bringt uns mit dem Frühling in Konflikt. Denn die steigende Lust, sich in den ersten Frühlingstagen im Freien aufzuhalten hat mit Freiheit zu tun – und wer im Freien ist, verursacht unter Umständen halt auch Lärm und andere als unerwünscht geltende «Störfaktoren».

Damit wir den Frühling dennoch geniessen können, schlage ich darum folgende Schlagzeilen vor:

  • «Jedem Park seinen Grill: Die Stadt macht mit öffentlichen Grills den Wegwerf-Dingern den Garaus.»
  • «Kübeln statt Bechern: Das neuen Abfallentsorgungssystem in den Parks wirkt»
  • «Wolff schenkt Kameras dem Kulturbüro»
  • «Nacht-Verkaufsverbot definitiv vom Tisch»
  • Anwohnerin Petra S: «Mann, war das ein Fest! Da ging ich gleich mitfeiern. »
  • «Mit Urbanzonen gegen Lärmklagen»

Na, klingt doch besser, oder? Damit Zürich kein «Bünzli-Paradise» wird, wie auf tsri.ch letzthin stand. Und damit wir uns voller Elan in die Freuden des Frühlings stürzen können.

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