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Hipster wider Willen

Von Brigitte Federi 30. Oktober 2013 8 Kommentare

Für diesen Blogbeitrag habe ich mich in Zürich auf die Suche nach Hipstern gemacht. Eigentlich keine schwere Aufgabe, bewege ich mich doch beruflich in der Welt der kreativen Agenturen, in denen es Hipster gibt wie Sand am Meer. Fündig wurde ich allerdings nicht, einzig ein ehemaliger Arbeitskollege hat sich mir gegenüber als zumindest «selektiv hipsteresk» geoutet. Erste Erkenntnis: Keiner will ein Hipster sein.

Was ist denn eigentlich so schlimm an diesem Begriff? Wikipedia meint zum Hipster:

«Der Begriff soll Jugendliche bis junge Erwachsene der urbanen Mittelschicht beschreiben, die ihrem Szenebewusstsein – bei Gleichgültigkeit dem Mainstream gegenüber – ignorant bis extravagant Ausdruck verleihen.»

Nun, liebe Stadtzürcher, sind wir nicht alles andere als Schweizer Mainstream? Es gibt doch einiges, das uns vom Rest dieses Landes unterscheidet. Wir wollen ja nicht behaupten, wir seien besser als die anderen, aber wir sind auf jeden Fall einen Schritt weiter als sie und stets offen für das, was auf uns zukommt. Extravagant im positiven Sinne – nennen wir es vielleicht lieber avantgardistisch. Nicht vergleichbar mit der restlichen Schweiz.

Das tönt arrogant und ignorant zugleich? Na gut, so werden wir Zürcher von der restlichen Schweiz ja auch gerne bezeichnet. Und es stört uns nicht sonderlich.

Wir Stadtzürcher bemühen uns um Individualität, wollen uns aus der Masse hervorheben. Ich behaupte aber, dass das nur selten klappt. Du hast Dir vor einigen Monaten einen Rucksack gekauft, weil Du etwas anderes tragen wolltest als eine Freitag-Tasche? Und hast kurz darauf gemerkt, dass es um Dich herum nur so wimmelt von Rucksäcken? Haben Dich diese Menschen jetzt alle kopiert? Wohl kaum. Ob wir wollen oder nicht – wir alle lassen uns beeinflussen von den Menschen um uns herum.

Daraus folgt Erkenntnis Nummer zwei: Wir sind alle ein bisschen Hipster. Was den Hipster in Zürich somit zum Mainstream macht. Kann ein Mainstream besser sein als der andere? Ich denke nicht.

Für alle, die mir widersprechen und sich bis jetzt nicht angesprochen fühlen, habe ich einen kleinen Hipster-Test vorbereitet. Für jede Frage, die mit Ja beantwortet wird, gibt es einen Punkt:

  • Ist Deine Brille zu gross für Dein Gesicht?
  • Gehst Du nur bei hochsommerlichen Temperaturen ohne Schal aus dem Haus?
  • Kaufst Du in Vintage-Läden ein?
  • Machst Du Yoga?
  • Züchtest Du Dein eigenes Gemüse? Einen Zusatzpunkt gibt’s für den eigenen Schrebergarten.
  • Oder kaufst Du gern auf dem Markt ein oder besitzt ein Gemüse-Abo eines Biobauernhofes in der Nähe?
  • Bist Du Bartträger oder strickst Du?
  • Findest Du DIY cool?
  • Fährst Du Velo in der Stadt? Einen Zusatzpunkt gibt‘s, falls Dein Velo keine Gangschaltung hat.
  • Trägst Du gerne Hemden im Holzfällerstil?
  • Achtest Du beim Lebensmitteleinkauf auf saisonale und Bio-Produkte?

Je drei Punkte gibt es für die Bejahung folgender Fragen:

  • Würdest Du Dich selbst nie als Hipster bezeichnen?
  • Du siehst Dich gerne als jugendlichen Erwachsenen, gehörst gemäss den Altersangaben auf Deinem Pass aber schon längst nicht mehr dazu?

Eine Auswertung biete ich nicht an, aber Ihr kennt Euch in diesen Tests ja aus. Je höher die Punktzahl, desto schlimmer steht es um einen.

Sollte jetzt jemand aufgrund seines Resultats überlegen, auf welche seiner ihm lieb gewonnenen Gewohnheiten er künftig verzichten könnte, dem möchte ich zum Schluss die Worte meines selektiv hipsteresken Kollegen ans Herz legen:

«Meistens sind Hipster Menschen, die sich für eine (Lifestyle)-Sache besonders stark interessieren und, durch ihr Interesse getrieben, ein bisweilen bemerkenswertes Fachwissen erarbeitet haben und gern darüber sprechen. Hipster sind oft gute Small Talker, was angenehm sein kann auf einer Party, auf der man keine Sau kennt.»

Das tröstet ein bisschen, oder?

8 Kommentare

  • Verwandter des selektiv Hipsteresken

    Diese Nichtdifferenzierung zwischen Single Speed und Fixie geht natürlich gar nicht. Korrekt wäre: Keine Gangschaltung ein Punkt, Fixie zwei Punkte, Fixie ohne Bremsen drei Punkte 😉

    • Brigitte Federi

      @Verwandter des selektiv Hipsteresken
      Danke, mir fehlen offenbar Detailkenntnisse. Was mich beruhigt, irgendwie.

  • seenia

    eine wichtige frage hast du noch vergessen:

    – bist du nicht in der stadt zürich aufgewachsen und aus der agglomeration hinzugezogen? 2 punkte gibt es hier falls du aus einem anderen kanton bist.

    • Brigitte Federi

      @seenia: Wieso denn? Hast Du dazu auch noch eine Begründung?

      • antihipsta

        weil die in stadt hinzugezogenen landeier am schlimmsten auf urban und cool machen.

  • pipistrella

    Endlich weiss ich, warum alle plötzlich Bart tragen…. danke für die Aufklärung einer völlig zurückgebliebenen Aargauerin 😉

  • […] Bart beschäftigt Marc Elsener künstlerisch schon seit Jahren. Aber ihn interessiert nicht die Hipster-Diskussion, sondern Haarwüchse, die dem Gebot «Du sollst deinen Bart nicht stutzen» (3. Mose 19,27) zu […]

  • […] Interessanterweise fühlen wir uns dabei aber nicht konservativ, sondern progressiv, weil wir ja Altes verwerten. Und wir fühlen uns nicht wie Nostalgiker, sondern mehr wie Individualisten – ohne zu merken, dass auch die neue alte Wohnung von der Freundin vom Kollegen so alte Sachen und so Ikea-Sachen hat. Sieht das alles nicht überall gleich aus? Das ist irgendwie so wie mit dem Fixie-Velo und dem Bart… […]

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