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Ich, die Mittelfeldspielerin

Dank einer Umfrage der Sozialforschungsstelle der Universität Zürich habe ich vor kurzem erfahren, dass die Bevölkerungszusammensetzung von Alt-Wiedikon, dem Quartier, in dem ich lebe, derjenigen der ganzen Stadt ähnelt. Interessant, ich hatte mir diesbezüglich noch nie Gedanken gemacht. Ich wusste nur, dass ich mich im Kreis 3 schon immer sehr wohl gefühlt hatte, und dass mir mein Quartier das bietet, was ich mir für ein Familienleben in der Stadt wünsche.

Seither stelle ich mir Alt-Wiedikon als goldene Mitte vor, mit dem Zürichberg auf der einen und Altstetten auf der anderen Seite. Male mir aus, wie die Menschen am äussersten Ende dieses Spektrums leben, und wie anders es demzufolge am anderen Ende sein muss. Ist es da nicht sonderbar, dass wir Zürcher trotz dieser Gegensätze das Gefühl haben, wir seien anders als der Rest des Landes? Ist es dieses Gefühl des Andersseins, das die Zürcher verbindet, oder ist da noch mehr?

Aus den Blogartikeln von Christoph Sigrist lese ich heraus, dass das Grossmünster ein Ort ist, an dem sich die verschiedensten Menschen einfinden. Also habe ich mir überlegt, wo in Zürich man sonst noch auf Menschen aus allen Quartieren der Stadt trifft. Angeführt wird meine Liste vom Hauptbahnhof, wo eines Tages bestimmt auch der grösste ÖV-Verweigerer landet, und sei es nur, um die Bahnhof-Apotheke am Wochenende aufzusuchen. Ziemlich sicher trifft man auch jede und jeden von uns einmal in einem Laden eines Schweizer Grossverteilers, am See oder an einem Grossanlass wie dem Zürifäscht. Vielleicht noch in den öffentlichen Spitälern, und irgendwann später auf dem Friedhof.

Nun garantiert das Aufeinandertreffen verschiedenster Menschen an einem Ort natürlich nicht eine Durchmischung, die zu einem Verbundenheitsgefühl führen kann. Und es sind wohl gerade die beiden Enden des Spektrums, die am ehesten unter sich bleiben, ob gewollt oder nicht.

Während ich mir diese Gedanken machte, begann vor zwei Wochen die Fussball-WM. Wie sehr Fussball verbindet, sieht man nirgendwo schöner als im Dokumentarfilm «The Final Kick» aus dem Jahr 1995. Fast so schön ist es gerade auch Abend für Abend, wenn man durch die Strassen zieht, vorbei an den vielen Public-Viewing-Orten. Wohl wählen wir uns dafür eine Lokalität aus, in der wir uns wohlfühlen, bleiben schlussendlich also wieder unter unseresgleichen. Und natürlich drücken wir auch nicht alle derselben Mannschaft die Daumen.

Die Euphorie, die alle vier Jahre zuverlässig auftritt und zumindest mich doch jedes Mal von neuem fasziniert, führt zu aber trotzdem zu einem Gemeinschaftsgefühl, dass wir Zürcher sonst anscheinend nur gegen den Rest der Schweiz zustande bringen. Lasst uns dieses Gefühl also geniessen, bis es in zweieinhalb Wochen auch schon wieder vorbei ist damit.

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