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Meine zwei Pässe

Von Martina Bischof 12. Februar 2014 Keine Kommentare

Ich kann mir heute nicht gut vorstellen, meinen ursprünglich geplanten Text zu veröffentlichen, und vermutlich bin ich nicht die einzige gewesen – ich mit meinen zwei Pässen – die am Montagmorgen mit einem mulmigen Gefühl im Bauch in Zürichs Hauptbahnhof aus dem Zug stieg und sogleich auf «wachsam» stellte, um mit einer Mischung aus Betroffenheit und Neugier zu versuchen, die Stimmung am Ausländerumschlagplatz «HB Zürich» zu detektieren.

Jetzt stellen Sie es sich doch einfach einmal vor. Jede zweite Person, die auf diesem überfüllten Perron dieses Verkehrsknotenpunktes mit mir steht oder geht, findet die Hälfte von mir überflüssig. Das mit meiner Ausländerhälfte lässt mich nämlich schon recht gezielt nachempfinden, respektive es schärft mein Mitgefühl für alle Ausländer in der Schweiz des heutigen Tages. Vielleicht sollte jeder Schweizer und jede Schweizerin einen Doppelbürgerstatus erhalten und demnach zwei Pässe besitzen. Das wäre doch eine glatte Idee: Empathie und Zugehörigkeitsgefühle durch einen vom Staat herausgegebenen amtlichen Ausweis.

Zähle ich mich juristisch korrekt aber zur Schweizer Bevölkerung, liesse meine Trauer noch lange nicht nach, denn neben meinem grossen Schämen wäre ich von heute auf morgen ein grausam einsames Individuum, das mit ein paar anderen helvetischen Knochen ein gar tristes Dasein fristete – und, treibe ich es auf die Spitze – Käse, Kartoffeln und Schokolade mampfend inmitten einer globalisierten Welt von Curry, Eiscreme, Sushi und Kiwis träumte.

Zur heilsamen Busse sollte man jetzt doch den Versuch starten, die Schweiz – souverän, standhaft, abgeschottet inmitten des bedrohlichen und grossen Europas, also wie gewünscht – kulinarischen Verzicht üben zu lassen. Das wär fabelhaft! Zusätzlich müsste der Internetzugang landesweit abgeklemmt werden, damit auch kein Hausmann auf die Idee käme, sich noch rassig ein Tortilla-Rezept aus dem Netz herunterzuladen.

Und auf meinem Weg aus dem HB hinaus höre ich eine Frau zu einem jungen Mann sagen: «Das sind doch alles Folkloristen bei der SVP!»

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