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Im Dilemma von Freiraum, Wohnen und Wandel

Von Silvan Gisler 3. März 2015 Keine Kommentare

In Zürich lautet eine der ersten Fragen häufig: «Wo wohnst Du?» Und ob Du nun mit «Oerlikon», «Wiedikon» oder «Seefeld» antwortest, spielt eine Rolle. Bist Du bieder, bist Du hip oder bist Du reich? Manchmal wirkt es so, als ob Dein Wohnort in Zürich Deiner neuen Bekanntschaft mehr über Dich auszusagen scheint als Beruf, Humor, Hobbies, Freunde…

Diese Einordnung hat ihre Logik und ist nicht neu: Der Wohnort als soziales Erkennungsmerkmal manifestierte sich schon im alten Rom oder in und vor der mittelalterlichen Kleinstadt: Hier lebt das Grossbürgertum, da der alte Adel, dort die wirtschaftlich Aufsteigenden, dort die armen Künstler, dort die Minderheiten.

Aber sollte eine solch starre Verteilung nicht der Vergangenheit angehören? «Mobilität! Durchmischung! Freiräume!» – sind Stichwörter, die in diesem Kontext fallen und dies nicht zu Unrecht: Eine moderne Stadt misst sich an ihrer Fähigkeit, Entfaltungsmöglichkeiten starren Strukturen vorzuziehen.

Gegen starre Strukturen zu sein, bedeutet aber auch Wandel zuzulassen und somit zu einem gewissen Grad auch «Gentrifizierung». Gerade diejenigen aber schreien am lautesten dagegen an, welche sich in ihren Antworten auf die Wohnfrage gerne damit brüsten, im «Chreis Cheib ade Soundso-Strass direkt näbed em Diesunddas-Lädeli» zu wohnen. Dieser Umstand offenbart verschiedene, zusammenhängende Widersprüche und Dilemmata:

  • Wir wollen soziale und räumliche Mobilität, aber dort wohnen bleiben, wo wir schon immer wohnen wollten.
  • Wir wollen keine starren Quartiere, definieren uns aber durch sie.
  • Wir wollen Kreativ-Räume, welche sich durch Wandel ergeben, wollen aber keinen Wandel, welcher solche Kreativ-Räume wieder vernichten kann.
  • Wir wollen Leben, aber Ruhe.
  • Wir wollen wohnen, wo etwas läuft, sind jedoch durch unsere kumulierte Nachfrage die Treiber dafür, dass dort bald nichts mehr läuft.
  • Wir wollen billige Wohnungen, aber wir wollen keinen Markt dafür.
  • Wir wollen Freiraum – aber geschützt durch die Stadt.

Wollen wir zu viel? Müssen wir bei all den Wünschen einige über Bord werfen?

Ganz ehrlich, ich habe keine Antworten auf alle Widersprüche. Dennoch ist es möglich, einzelne Grundlinien zu ziehen. Wir sollten ein Interesse an einer durchmischten Stadt haben – und zwar auch aus ökonomischer Sicht: Unter anderem Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stieglitz weist zu Recht auf die Kosten der Segregation hin (höhere Sozialkosten etc).

Eine durchmischte Stadt fördert das Zusammenleben, schafft Raum für die Kreativwirtschaft, wertet Gebiete auf, fördert lokale Wirtschaftszweige, gewinnt an Attraktivität. Durchmischte Quartiere erbringen nachweislich ökonomischen Nutzen. Doch aus der Perspektive einzelner Markt-Teilnehmer ist dies nicht von relevantem Interesse: So macht zum Beispiel ein Kulturlokal das Quartier interessant für den Mieter um die Ecke. Aber für den Vermieter des Kulturlokals selbst wird es gerade wegen der gestiegenen Nachfrage attraktiver, aus dem Kulturlokal ein Kleidergeschäft zu machen. Sollten wir es hier mit einem «Marktversagen» zu tun haben, müssen wir also andere Wege und Anreize finden, diese Durchmischung sicherzustellen.

Die Forderung nach Durchmischung führt jedoch schnell zu einem institutionell starren System. Auf lange Sicht wird die Durchmischung so zur Karikatur ihrer selbst.

Diese Stadt lebt gerade davon, dass sie sich stetig verändert. Wir sollten schauen, dass bei dieser Veränderung die Vielfalt nicht vergessen geht, aber wir sollten nicht die Veränderung als solche bekämpfen. Das sollte auch beim Wohnen gelten. Stattdessen aber wollen wir alle am liebsten billig wohnen, dort wo es uns am besten gefällt und dort auch bleiben, solange wir wollen.

Ist diese Forderung mit Blick auf alle Dilemmata ohne Abstriche aufrecht zu erhalten? Ich glaube nicht.

Darf jeder fordern in Zürich an bester Lage zu Wohnen? Frage von Elisabeth Schoch

Bild: Dieses Dilemma beschäftigt auch die Zürcher Politikerinnen und Politiker, hier: Elisabeth Schoch, FDP.

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