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Im Regelwald

Von Christoph Sigrist 19. November 2014 Keine Kommentare

Des Schweizers liebstes Steckenpferd ist die Leidenschaft, alles zu reglementieren. Um dies zu erkennen, braucht man nicht nach Sizilien zu gehen, wo die Schilder am Strassenrand schräg und abgewetzt in der Landschaft stehen. Dort werden sie als moderne Kunst wahrgenommen und richten sich nach keiner Norm. Bei uns in Zürich hingegen gibt es für alles ein Reglement, für vieles eine Richtlinie, für manches ein Gesetz. Kann dies noch gesteigert werden?

Es kann, und zwar so: Ich trete kurz vor Mittag aus der «Helferei». Vis-à-vis hat vor kurzem ein neuer Laden Einzug gehalten. Und wie es ja üblich ist, weiss noch niemand etwas von dem neuen Bewohner in der Kirchgasse. Folgerichtig hat er vor seiner Tür eine grosse, doppelseitige Anzeigetafel – einen so genannten Passantenstopper – aufs Kopfsteinpflaster gestellt.

Mir ist dieses Werbeplakat beim dritten Vorbeirennen in den vergangenen Tagen aufgefallen, und just heute habe ich einige Minuten Zeit und will mir die Bilder und Informationen genauer anschauen.

Ich öffne also die Tür und will meine Schritte direkt zur Anzeigetafel lenken.

Da sehe ich einen Mann, der geschäftig mit einem Massband die Breite und Länge der Tafel misst. Ja, mehr noch: nach getaner Arbeit an der Tafel misst er zusätzlich die Distanz des rechten Randes zur Häuserwand. Und da taucht die zweite Person im observierten Blickfeld auf: ein weiterer Polizist der Stadt, mit Notizblock und Stift in der Hand. Seine Miene zeugt von einer Ernsthaftigkeit, als handle es sich um die Sicherung des Tatortes der Woche; als ginge es darum, Blutspuren aufzuspüren von einem Verbrechen, das die Stadtseele seit Tagen in seinen Bann zieht.

Doch was er in akribischer Genauigkeit notiert, sind Zahlen: achtundsechzig breit, einsfünfundzwanzig hoch, dreiundreissig Abstand zur Wand… Ich staune und staune, während die Menschen wie Schatten an mir vorbeihuschen – skurrile Sphäre stadtzürcherischer reglementkonformer Arbeit.

«Unglaublich, nicht wahr?» Ich werde durch einen Bekannten aus der staunenden Erstarrung in die Realität gezogen. «Weisst Du, das ist normal bei uns. Ach, diese Reglementierungen, fürchterlich. En Guete!» Und weg ist er.

Gedankenvoll biege ich um die Ecke des Grossmünsters, um beim Helmhaus ins Tram einzusteigen. Beim Blick auf die Fenster von Augusto Giacometti kommt mir der Satz aus der Bibel in den Sinn: «Der Sabbat ist um des Menschen Willen geschaffen, nicht der Mensch um des Sabbats willen.» (Markusevangelium 2,27).

Übertragen auf die Gassen und Strassen von Zürich heisst das: Das Gesetz ist für den Menschen da, nicht der Mensch für das Gesetz. Die Gefahr besteht ja in der Tat, dass wir vor lauter Bäumen der Regeln den Wald des geregelten Zusammenlebens nicht mehr sehen.

Ein Tag später: Ich gehe aus der Tür der Helferei und sehe den Hauswinkel unserer Nachbarhauses – und siehe da: Die Tafel mit den Plakaten ist verschwunden… Schade, denn bis jetzt weiss ich nicht, was der neue Laden anbietet.

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