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Im Selbstoptimierungs­wahn

Wir sollen uns im Griff haben: Pro Tag mindestens 10’000 Schritte gehen, dreimal pro Woche Sport treiben und uns ansonsten einmal im Tag für mindestens 30 Minuten zügig bewegen. Genügend Flüssigkeit (sprich: Wasser) trinken und nicht mehr als die Anzahl Kalorien zu uns nehmen, die uns für unsere Grösse, Alter und Geschlecht zusteht.

Zu unserer Selbstoptimierung stehen uns inzwischen viele verschiedene Apps und Gadgets zur Verfügung. «Quantified Self» nennt sich die Bewegung, die seit einigen Jahren stetig wächst. Hier gibt es Leute, die nicht nur ihre täglichen Schritte und Kalorien zählen, sondern auch konstant ihre Herzfrequenz, ihren Blutdruck und die Anzahl Minuten, die sie in der Nacht geschlafen haben, überwachen. Und so faszinierend ich die technologischen Möglichkeiten finde, so unterhaltsam und wirkungsvoll sie sein können, und so nützlich gewisse Anwendungen für chronisch Kranke sind, so sehr frage ich mich, wie viel Stress die Selbstquantifizierung als negative Nebenwirkung auslösen kann.

Ich meine damit jetzt nicht einmal die Bewirtschaftung der gesammelten Daten, obwohl die auch viel Zeit in Anspruch nehmen mag, und davon haben wir ja grundsätzlich alle zu wenig. Nein, ich denke an diejenigen von uns, die das gesteckte Ziel trotz aller Aufklärung und Technik nicht erreichen. Beispielsweise Menschen, deren Äusseres noch nie dem gesellschaftlichen Ideal entsprochen hat. Denen jetzt – wiederum von der Gesellschaft – eine Reihe von technischen Möglichkeiten präsentiert wird, die ihnen zeigen, wie man «richtig zu leben hat». Menschen, die es dann – wahrscheinlich zum wiederholten Mal – mit der Selbstoptimierung versuchen, und einmal mehr daran scheitern. Ist unser Alltag nicht sowieso schon zu sehr von Leistungsdruck geprägt? Würde es uns nicht gut tun, unser Leben ein bisschen weniger zu kontrollieren, ein bisschen mehr «laisser faire» zuzulassen?

Und was, wenn die Selbstoptimierung schlussendlich doch nichts nützt? Wenn ein noch junger Mensch, der immer gesund gelebt hat, auf einmal viel zu früh an einer schweren Krankheit stirbt? Und hat nicht jeder von uns in seinem Umfeld das Beispiel eines Menschen, der uralt und noch immer kerngesund ist, obwohl er sein Leben lang zu viel gegessen, geraucht und getrunken hat und Sport für Mord hält?

Die konstante Selbstoptimierung, die ja übrigens – wie jede Optimierung – nur immer weiter geht und nie zu Ende sein kann, ist kein Garant. Weder für das lange gesunde Leben, noch für eine persönliche Marktsteigerung oder Erfolg in allen Lebensbereichen. Und sie ist bestimmt auch kein Garant für Lebensfreude und Zufriedenheit. Dazu bräuchten wir von mir aus gesehen vor allem mehr Gelassenheit als Kontrolle. Wer denkt, er brauche auch dazu eine App: Ich bin mir sicher, dass es sie bereits gibt.

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