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Im Zweifelsfall gegen die vorderasiatische Blattlaus

Von Brigitte Federi 2. Oktober 2013 Keine Kommentare

Ich möchte jetzt nicht anfangen zu jammern, dass im Herbst in Zürich zu viele kulturelle Veranstaltungen stattfinden, und dass mir nichts anderes übrig bleibt, als einige grossartige Sachen zu verpassen. Denn auch wenn es so ist, und mir einige von Euch bestimmt recht geben – es wäre ein Jammern auf hohem Niveau, und ich übe mich gerade darin, das zu vermeiden.

Nein, ich möchte von einem Urner erzählen, mit dem ich vor einigen Jahren zusammengearbeitet habe. Er reiste damals täglich mit den ÖV nach Zürich und erzählte uns Bürokollegen immer wieder von seinen Pendlerabenteuern. Ein Umzug in die grosse Stadt kam für ihn nie in Frage, zu sehr war er in seiner Heimat verwurzelt. Trotzdem fragte ich ihn nach einer besonders langen Anreise, deren Highlight eine Schiffspassage auf dem Urnersee war, ob denn nicht zumindest ein WG-Zimmer sein Leben erleichtern würde. Und erinnerte ihn daran, was er in den so eingesparten Stunden in Zürich alles unternehmen könnte.

Ich war wohl nicht die Erste, die ihm diese Frage stellte; seine Antwort folgte nämlich nicht nur schnell, sondern auch ausführlich. Er sagte, er schätze das Veranstaltungsangebot bei ihm zu Hause sehr, gerade weil es so viel kleiner sei als das in Zürich. Er müsse keine Entscheidungen treffen, er lasse sich einfach auf das ein, was angeboten würde, und lerne so immer wieder Neues kennen. In Zürich sei man ob der Menge an Möglichkeiten doch meistens überfordert und entscheide sich dann für das, was einem am nächsten liege, was man in irgendeiner Form schon kennen würde. Er aber besuche an einem Wochenende eine Tangovorstellung, drei Tage später eine Filmvorführung über die Vermehrung vorderasiatischer Blattläuse und am darauf folgenden Wochenende einen Workshop zu norwegischer Holzschnitzkunst. (Ja, ich gebe es zu: Beispiele Nummer zwei und drei habe ich soeben erfunden).

Und dann doppelte er nach: Wir hier in Zürich hätten zwar immens mehr Möglichkeiten, würden aber wahrscheinlich nicht öfter ausgehen als er selbst. Worauf zumindest ich ihm recht geben musste. Aber tut es nicht einfach gut zu wissen, dass man viel mehr unternehmen könnte, wenn man denn wollte?

Um zum Anfang dieses Artikels zurückzukehren: Das Jammern liegt mir wirklich fern. Ich habe mir nämlich gerade den Veranstaltungskalender von Altdorf angeschaut – meinem einstigen Bürogspänli zu Ehren. Es stimmt, das Angebot ist abwechslungsreich, und die eine oder andere Sache könnte auch mir gefallen. Und ja, ich könnte mich wenigstens versuchshalber für einmal von meinen Hauptinteressen lösen und beispielsweise einen wissenschaftlichen Vortrag besuchen. Aber ich interessiere mich nun mal für Filme und mag Livemusik, Bücher und Bühnen. Ich wüsste wirklich nicht, wieso ich mich mit vorderasiatischen Blattläusen befassen sollte, und käme von einem Schnitzworkshop mit Blessuren nach Hause.

Seit ich Mutter bin, verpasse ich dauernd grossartige Veranstaltungen und finde das immer mal wieder schade. Andererseits entgehen uns das ganze Leben lang ja viele Möglichkeiten, weil wir uns regelmässig für den einen oder anderen Weg entscheiden müssen. Lernen wir doch einfach, mit dieser Tatsache zu leben.

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