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Wahlbeobachterin

In der Höhle des blauen Löwen

Von Adrienne Fichter 14. Januar 2014 2 Kommentare

Top5-Löwe

Letzte Woche begab ich mich freiwillig in die Höhle des blauen Top 5-Löwen. Beim Podium der Top 5 diskutierten die StadtratsanwärterInnen der SVP, FDP und CVP über die Rettung des Gewerbes in der Stadt Zürich.

Wobei «Diskussion» stark übertrieben ist. Die bürgerlichen Kandidaten überschlugen sich mit ihren Voten in der Frage, wer die Bedürfnisse der Gewerbler besser kenne und mehr Parkplätze schaffen könne. Unterhaltsam war die Runde trotz breitem Konsens allemal: dank erfrischender Fragen von einigen erbosten Gewerblern im Publikum und den satirischen – aber ernst gemeinten – Statements von Roland Scheck.

In der letzten Woche fanden zwei merkwürdige Wahlkampf-Podien statt. Merkwürdig, weil von einem «Podium» keine Rede sein kann, wenn politisch homogene Diskussionsteilnehmer aufeinander treffen und debattieren. Der Gewerbeverband Zürich lud im Swissôtel Zürich-Oerlikon zum Thema «Wieviel Gewerbe braucht Zürich?» zur «Debatte» mit den Top 5- Kandidaten ein.

Die Wahlkampfplattform der Gewerkschaften mit den linken Stadtratskandidaten mutete noch seltsamer an, weil gar keine Diskussionsfrage gestellt wurde, sondern auf dem Flyer ein kurzer Abriss über die Erfolgsgeschichte Zürich (dank linker Regentschaft im Stadtrat natürlich erst ermöglicht) formuliert war. Da mich die Herausforderer mehr interessieren als eine Stunde Selbstbeweihräucherung, war die Entscheidung also relativ schnell gefallen: Ich besuchte die Top 5.

Alles Parkplatz oder was
Die Diskussion verdichtete sich dank der bürgerlichen Gleichgesinnung über die Probleme des Gewerbes relativ schnell auf die dringend benötigten Parkplätze, die vielen bürokratischen Verfahren und den Bedarf an Ladenflächen, die sich aufgrund des Wohnraumausbaus immer mehr verknappen.

Die anwesenden Kandidaten buhlten eifrig um die Gunst der Gewerbler. So viel Eintracht wirkte öde. Doch konnte ich mir von den bürgerlichen Kandidaten ein besseres Bild machen:

Gerold Lauber schien einen sympathischen Eindruck zu machen. Ja, «schien». Ich habe ihn aufgrund meines Platzes in der letzten Reihe und seines doch sehr prägnanten Walliser Dialekts leider kaum verstanden. Noch schlimmer erging es meinen SitznachbarInnen im Seniorenalter, die akustisch trotz gut eingestellter Mikrofone Mühe hatten, dem Gespräch zu folgen.

Nina Fehr Düsel, auf die ich wirklich neugierig war, legte leider keinen besonders überzeugenden Auftritt hin. Gebetsmühlenartig las sie ihren Willen zur Vereinfachung der bürokratischen Verfahren vor, konnte nicht oft genug beteuern, wie oft sie mit Gewerblern gesprochen habe. Das Publikum blickte sie dabei selten an. Die fehlende Parlamentserfahrung war spürbar, auch wenn ihr sicherlich noch eine grosse politische Karriere bevorsteht. Die nächste Station in der Laufbahn lautet aber wohl eher Gemeinderat.

Der direkt aus dem Talk Täglich-Duell mit Corine Mauch verspätet eingetrudelte Filippo Leutenegger kritisierte ebenfalls repetitiv den aufgeblähten Verwaltungsapparat und die Stellenplafonierung und wirkte allgemein etwas müde.

Andres Türler schnitt in der Runde mit Abstand am besten ab. Er war in der komfortablen oder eben unbequemen Position, einerseits einen Leistungsausweis präsentieren zu können, andererseits für Missstände des Stadtrats hinstehen zu müssen. Diese Diskrepanz meisterte er relativ gut und wechselte an einigen Stellen geschickt in die Rolle des Herausforderers, indem er einige Wahlkampfbotschaften platzierte. Der grösste Politikwandel werde möglich, wenn sich die Zusammensetzung des Gemeinderats ändere. Und er animierte sogleich, die richtigen Listen einzuwerfen, was grossen Beifall und energisches Nicken bei meinen betagteren Sitznachbarn auslöste.

Energie-Schreck Scheck
Der bei mir bleibendste Eindruck zum Schluss. Der SVP-Herausforderer Roland Scheck verströmte mit seinen Beiträgen alles andere als Zuversicht. Er zeichnete ein derart düsteres Bild vom finanziellen Zustand Zürichs, dass ich mich fragte, ob er ernsthaft gewählt werden möchte. Nach ein paar erhellenden recherchierten Fakten – 1400 Parkplätze, die in den letzten 5 Jahren verschwunden sind und Millionen von Franken Verlust, den Gewerbler dadurch erleiden müssten – beschwor er, sooft er konnte, die dunklen depressiven Zeiten herbei. Auf die Frage des Moderators, welches Bild er als Webdesigner auf die Website von Zürich setzen würde, meinte er nüchtern: Einen Pleitegeier.

Ein Zuschauer, der hörbar vom grossen Kanton stammt, fragte Scheck provokativ, ob er nicht auch der Meinung sei, dass im Fall einer Kernkraftenergie-Explosion das ganze Gewerbe in Zürich bachab gehen würde, und ob es darum nicht besser sei, saubere Energie für das Gewerbe zu forcieren. Nach grossem Gelächter und Verwunderung von Scheck, ob die Frage ernst gemeint sei, meinte er: «Nein ich biete den Gewerblern billige Energie an und somit bleibt es bei Kernenergie».

Wäre das Publikum repräsentativer für die grün eingestellte Stadtzürcher Bevölkerung gewesen, hätte sich Scheck mit dieser Aussage wohl endgültig das politische Grab geschaufelt. Nicht umsonst wählte ich für diesen Artikel das Bild der Höhle im Titel. Geschützt und wissend im kleinen Cocon bei seinen Stammwählern «zuhause», kann man wohl seine wahren und nicht mehrheitsfähigen Ansichten herausplaudern.

Start-ups sind uninteressant für die Top 5
Die Diskussion fiel wie erwartet sehr flach aus. Kein Wort verlor man über die Rahmenbedingungen und Förderung von IT-Unternehmen und Startups. Wahrscheinlich weil diesem Wirtschaftszweig – im Gegensatz zum klassischen Gewerbe – noch die politisch schlagkräftige Lobby fehlt.

Kurz und gut: Bei den Aussagen der Kandidaten hätte man meinen können, eine Verbesserung der Parkplatzbewirtschaftung würde alle Probleme des Gewerbes auf einen Schlag lösen. Dass dem nicht so ist, brachte der sehr aufgebrachte und vom Establishment gefürchtete Ex-Gemeinderat Hans Diem auf den Punkt: Die vielen Baustellen vor der eigenen Ladentür ruinierten die Wirtschaft viel mehr als fehlende Parkplätze. Und auch die Benachteiligung der lokalen «teureren» Unternehmen bei der Vergabe von städtischen Aufträgen sei gravierender für das Gewerbe. Erfrischende Voten zum Schluss.

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