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In vino veritas: Gesellschaft­liche Gärungs­prozesse

Von Christoph Sigrist 18. Oktober 2013 Keine Kommentare

Wie fast jeden Herbst seit Jahrzehnten gehen Jugendliche des Jugendtreffs Grossmünster nach Sizilien, um ihre Freizeit im Campus der waldensischen Kirche in Scoglitti zu geniessen, einer Kleinstadt direkt am Meer. Die evangelischen Kirchen in Italien, insbesondere in Sizilien, sind zu sogenannten BMW-Kirchen fusioniert: Baptisten, Methodisten und Waldenser. Alles andere als einen BMW fahren die Pastoren. Die Verhältnisse in Sizilien sind sehr bescheiden. Sie entsprechen wohl eher einem Fiat mit eingeschlagenem Fenster. Der Reichtum der Region liegt in der Schönheit und der Fruchtbarkeit des Landes und in der faszinierenden Kultur der Menschen, mit diesem Reichtum an Früchten und Farben zu arbeiten und sie zu veredeln.

Mit der Gruppe von jungen Erwachsenen besuche ich das Weingut «Murgo» unterhalb des Aetna. Gegen Abend treffen wir in den Rebbergen ein, wo wir in das Geheimnis des dort angebauten Weines eingeführt werden. Dieser unterscheidet sich wegen dem Lava-Boden und der durch den Vulkan örtlich speziellen Wetterkonstellation wesentlich von anderen sizilianischen Weinen. Marie-Therese, eine Schweizerin aus dem Luzernischen, die durch die Liebe im Weingut hängen blieb, erzählt mit einer Passion sondergleichen im Weinkeller von der Geschichte des sizilianischen Saftes, der eine «Gärung» besonderer Art hinter sich hat. Stand früher in Sizilien auf jedem Esstisch neben Brot und Wasser, neben Käse und Salami immer auch ein Krug mit Wein als Grundnahrungsmittel, so hat er sich in den letzten Jahrzehnten zum besonderen und edlen Gut der vermögenden Schichten verwandelt.

Das Grundnahrungsmittel, für jeden von der Gasse bezahlbar, wird zum Genussmittel, das Touristen aus Frankreich, der Schweiz und Portugal an diesem Abend im Restaurant geniessen können. An der Wand sind die Tafeln der verschiedenen Service-Clubs von Catania und Umgebung sichtbar.

Nach der Degustation und dem grossartigen sizilianischen Essen nehme ich ein Glas des vorzüglichen Weissweins, stehe unter der Pergola und blicke über die Dörfer und Güter hin übers Meer zum südlichsten Teil des italienischen Stiefels. Ich sinniere über weitere Gärungsprozesse, durch die Grundnahrungsmittel zum edlen Gut der Begüterten werden.

Zum Beispiel im Umgang mit der Zeit: Während früher ein Grundlohn und damit die Zeit einer bezahlten Arbeit für eine Familie ausreichten, müssen heute mindestens zwei Lohntüten ein Familiensystem tragen; die gemeinsame Freizeit ist so zum knappen, edlen Gut geworden.

Oder der Brauch des gemeinsamen Essens: Während früher das mittägliche oder abendliche gemeinsame Essen am Küchen- oder Stubentisch Grundbestandteil des Zusammenlebens war, ein Ort, wo das gemeinsame Leben organisiert, strukturiert, genährt und gelebt wurde, zeigen heutige Studien auf, dass in gewissen Familiensystemen aufgrund der anderen Art zu leben die gemeinsamen Mahlzeiten sich vom Grundnahrungsmittel zum besonderen, meist dann auch speziell zu organisierenden und bezahlenden Event wandeln. Wer kann sich heute denn an einem Mittwoch die vier Stunden Pergola-Zeit erlauben, wo man zusammensitzt und über Gott und die Welt diskutiert und debattiert?

«In vino veritas»: Wahrhaftig bringt mich dieser grossartige Wein darüber ins Studieren, was wir eigentlich mit unseren Grundnahrungsmitteln machen, wenn wir sie zu Genussmitteln verändern.

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