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Knapper Wohnraum: Kirchenräume müssen multifunktional werden

Wohnen in unserer Stadt, das kann zum Problem werden – nicht nur für Tausende von Familien, alleinerziehende Mütter und Väter, Studentinnen und «Stifte», Sans-Papiers und ältere Menschen, sondern auch für den Pfarrer am Grossmünster. Als vor fast drei Jahren die Kirchenpflege entschied, das Kulturhaus «Helferei» zu renovieren, mussten alle Bewohnerinnen und Bewohner, aber auch alle Arbeitenden, für ein Jahr eine andere Bleibe suchen und finden.

Ich fand meine Herberge im Kirchenraum des Grossmünsters. Die öffentlich zugängliche Sakristei, in der schon Huldrych Zwingli, unserer Reformator, sich vor dem Gottesdienst sammelte, wurde mein Büro. Ein Telefon- und Internetanschluss, ein Tisch, ein Stuhl, ein Büchergestell – und ich konnte arbeiten, während Touristen aus Übersee und Europa mir über die Schulter schauten. Ein Sofa neben der Orgel auf der Empore, ein Kissen, eine Decke – und mein Nachtlager im grossen Kirchenraum oben im «Himmel» neben der Orgel war eingerichtet. Während eineinhalb Jahren war das mein Loft der besonderen Art im Herzen von Zürich.

Das brachte mich auf einen Gedanken. Der Kirchenraum, heute Gastraum für Abertausende von Besuchenden; umgenutzt in Wohnraum für solche, die schlicht einen Raum suchen, um zu essen, zu liegen, zu lesen und zu leben? Was während einer Umbauphase eine provisorische Geschichte mit einem Schuss Abenteuerlust war – wer möchte nicht auch in einer Kirche übernachten, in der sich das Gebälk in der Nacht krachend entlädt, gleichsam ein Ausatmen des Kirchenraumes – könnte in den nächsten Jahren bitterer Ernst für unsere Stadt werden.

Ja, ich plädiere dafür, dass in den nächsten Jahren Kirchenraum funktional in Wohnraum umgebaut wird, weil Wohnraum in unserer Stadt immer knapper wird. Die Gründe für meine Forderung:

    1. Kirchenräume sind gedacht als öffentliche Räume, die so gebaut sind, dass sie theoretisch alle Bewohnerinnen und Bewohner einer Stadt beherbergen können.
    2. Die Stadt Zürich hat zu viele Kirchenräume, wenn diese nur von denjenigen Menschen genutzt werden, die sich am Sonntagmorgen zum Gottesdienst versammeln.
    3. Die Stadt Zürich hat zu wenig Kirchenräume für die vielen alternativen Ideen, was auch sonst alles in Kirchen stattfinden könnte.
    4. In Kirchenräumen eingeschrieben ist die Tradition, Menschen als Gäste zu behandeln und ihnen Raum für ihre Anliegen und Nöte zu geben.
    5. Wohnräume an Orten, wo Kirchenräume stehen, haben deshalb immer soziale Dimensionen und halten den Platz frei für die Benachteiligten und Verletzlichen der Stadt.

Ein wichtiger Beitrag der Institution der Kirche in den nächsten zehn Jahren wird es sein, Kirchen in Wohnräume umzufunktionieren, indem Kirchenräume umgenutzt, umgebaut oder abgerissen werden. So können wir es Menschen ermöglichen, an bester Lage im öffentlichen Raum ein Pult hinzustellen, ein Bett, einen Kochherd, ein Büchergestell…

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