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Konstruktive Kunstgeräusche

Von Felix Ghezzi 11. November 2014 3 Kommentare

Haroon Mirza. Credit: Museum Haus Konstruktiv, Foto: Stefan AltenburgerIn Städten sind Museen und Kirchen oft die einzigen Orte der Stille. Ruhe, konzentriertes Stehen oder in sich versunkenes Sitzen, gemächliches Wandeln und Flüstern gehören zum klassischen Bild, das man mit den Räumlichkeiten verbindet. Wer lauthals vor einem Bild referiert oder das Handy in den heiligen Gemäuern nicht auf lautlos gestellt hat, wird als Störenfried empfunden. Aber auch wenn mancher Besucher von der Kanzel lieber Worte über die unermessliche Schönheit der göttlichen Schöpfung hören würde oder immerzu in Marc Rothkos Farbflächen versinken möchte, sind doch beides ebenso Orte, wo es im besten Fall gar nicht so leise zu und her geht, wo gegenwärtige und zukünftige Probleme zur Diskussion gestellt werden oder die Wahrnehmung für die «Umwelt» sensibilisiert wird.

Der anglo-pakistanische Künstler Haroon Mirza (geb. 1977 in London) geht die Ausstellung im Haus Konstruktiv (bis 11. Januar 2015) für seine Verhältnisse sehr leise an. Es scheint fast, er möchte das Zürcher Publikum nicht vor den Kopf stossen und sich im Erdgeschoss vor den grossen Klassikern der konkreten Kunst wie Max Bill, Camille Graeser, Gottfried Honegger, Verena Loewensberg verneigen. Die kräftigen Grundfarben der Konkreten hat er bei den Arbeiten für das Museum jedoch beiseite gelassen; er übernimmt die geometrischen Formen, bricht sie aber sogleich mit dem Trägermaterial: gefundene Abfallstücke von Baustellen wie Kartonstücke und vor allem Fensterglas mit oder ohne Rahmen. Darauf platziert er Solarzellen in exakt arrangierten Symmetrien und verkabelt sie untereinander und mit kleinen LED-Lämpchen.

Durch das Licht von Scheinwerfern wird es möglich, die LEDs zum Leuchten zu bringen. Doch welche Absurdität steckt in diesem Kreislauf (ein zentrales Thema des Künstlers)! Es ist wie bei den Solarzellen am grauen Turm vis-à-vis der Viadukt-Markthalle: Die (veraltete?) Technik steht in keinem Verhältnis zum Gewinn – Sonnenenergie hin oder her. Mirza spitzt die Absurdität mit seiner Kritik weiter zu: Will man die Kunstwerke näher anschauen, steht man vor der Lichtquelle und die Leuchtkraft der Lämpchen nimmt rapide ab. Zudem sind die Solarzellen auf Fensterscheiben platziert, also dort, wo in einem Haus Licht hereinkommen soll, um die Räume zu erhellen. Umweltverschmutzung könnte also ein Thema im ersten Raum des Hauses Konstruktiv sein.

Akustisch begleitet einen das Rauschen eines Wasserfalls. Doch stammt der Ton wirklich vom Video im digitalen Bilderrahmen? Nein, er kommt aus dem Marshall-Gitarrenverstärker darunter – dem Inbegriff von lauter Rockmusik –, dessen Lautstärke auf das Maximum gedreht ist. Damit greift Haroon Mirza ein essentielles Thema seiner Arbeiten auf: den Unterschied zwischen Lärm (noise), Geräusch (sound) und Musik. Würden wir das Rauschen, wenn es von der Tonspur des Videos stammen würde, als Lärm betrachten, oder wäre es einfach das Geräusch des Wasserfalls? Und wie verhält es sich mit dem Summen von tausenden von Bienen in einer grossen Blumenwiese, dem Kuhglockengeläut auf einer Alp, den Kirchenglocken am Sonntagmorgen oder den Muezzin-Rufen in den Ferien?

«After the Big Bang» (Nach dem Urknall), so der Titel des Werkes, ist quasi das Verbindungsglied zum zweiten Ausstellungsraum im ersten Obergeschoss, wo es in einem abgedunkelten Raum fiepst und zirrt und flackert, wie es das normalerweise bei Ausstellungen von Mirza tut. Die grünen Akustikschaumstoffelemente an den Wänden, die der Künstler bereits in einigen Ausstellungen verwendet hat, wirken mit ihren geometrischen Formen wie konkrete Objekte. Ihre eigentliche Funktion als Lärmschlucker ist hier jedoch minimal, da die behangene Fläche zu gering ist. Ihre spitz hervorlugenden Formen aus Schaumstoff wirken vielmehr aggressiv und verstärken darin die Empfindung der Lärmverschmutzung im Raum.

Lärm? Sind die Töne von der computergesteuerten Video- und Soundinstallation – eine Videoprojektion, die einen 3D-Printer beim Druckvorgang zeigt, und die mit einem Wasserbrunnen auf der Rückseite der Projektionswand zu einem komplizierten Sound-Kreislauf verbunden ist – nicht vielmehr ungewohnte Geräusche? Und müssen sich die rhytmisierten und zusammengeschnittenen Geräusche in den Ohren von «Electronica»-Fans nicht wie Musik anhören? Haroon Mirza selbst versteht sich als Komponist im musikalischen, aber vor allem auch im visuellen Sinn. Die unvergleichliche Art und Weise, wie er das tut und damit in zwei künstlerischen Bereichen am Nerv der Zeit ist, hat wohl dazu geführt, dass er den «Zurich Art Prize 2014» gewonnen hat.

Mirza lässt uns Besucher via die Videoinstallation gleich selbst wissen, was er von dem Kunstpreis hält und wie er dessen Wirkung auf ihn einschätzt. Wir können zuschauen und vor allem auch hören, wie der 3D-Printer mit einer Plastikmasse «A Prize Full of Conceit» («Ein Preis voller Einbildung/Hochmut/Dünkel») schreibt. Bei der Auswahl der Jury wie auch der Personen, die die Künstlerinnen und Künstler nominieren durften, hat sich die Geld- und Namensgeberin «Zurich Insurance Group» mit Persönlichkeiten wie Bice Curiger, Hans Ulrich Obrist, Sam Keller u.a. maximal abgesichert. Es ist erfrischend, dass Haroon Mirza die Wahl durch diese illustre Runde nicht als Konklave missverstanden hat, und dass er sich nicht als neuer Kunstpapst fühlt.
 
 
Auf der Website zur Ausstellung «/o/o/o/o/» von Haroon Mirza in der Lisson Gallery im Mai/Juni 2013 in London sind neben Sound-Samples auch Remixes zu hören, unter denen auch der eine oder andere Schönklang versteckt ist.

Artikelbild: Haroon Mirza im Museum Haus Konstruktiv. Credit: Museum Haus Konstruktiv, Foto: Stefan Altenburger

3 Kommentare

  • […] > weiter im Text geht es in meinem Blogpost für «Karl der Grosse» […]

    • Beatrice

      Lieber Felix
      Deine spannenden, differenzierten und pointierten Wortgeräusche animieren mich, die Ausstellung zu besuchen und alles vor Ort zu erleben.
      Herzlichen Dank Beatrice

  • Ernesto

    Interessant und ,cool‘ … Will ich mir ansehen!

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