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Kunst, die unter die Haut geht

Von Felix Ghezzi 11. Juni 2014 1 Kommentar

Vor wenigen Tagen besuchte ich die aktuelle Ausstellung von Teresa Margolles im Migros Museum. Während ein paar Dutzend Meter entfernt ruhig und unsichtbar einige Kokainspuren in der Limmat vorbeiflossen, sass ich auf der Terrasse des Löwenbräu-Areals auf einer Betonbank, die nackten Arme auf dem Betontisch und fragte mich, ob ich das nun eklig finden soll oder nicht: Die Künstlerin hat dem Beton einen Deziliter Wasser beigefügt. Dieses stammt aus einem Leichenhaus, und es wurden Mordopfer des mexikanischen Drogenkriegs damit gewaschen.

Ein Deziliter destilliertes «Leichenwasser» mag als wenig erscheinen. Aber ob es ein halbes Glas Flüssigkeit oder zwei, drei Liter sind, ändert nichts an der Tatsache, dass man, nachdem man davon erfahren hat, weder die schlichte Skulptur «Mesa y dos bancos» noch andere ähnliche Sitzgelegenheiten anschauen kann, ohne an Leichen und Mordopfer zu denken.

Teresa Margolles, Mesa y dos bancos, 2013; Ausstellungsansicht Migros Museum für Gegenwartskunst; Foto: FBM Studio; Sammlung Migros Museum für Gegenwartskunst

Eine beängstigende Stimmung, wenn man wie ich allein in der zweiten Installation im zweiten Stock des Museums steht. Es ist dunkel, nur acht grosse, verschmutzte Glasscheiben werden spärlich beleuchtet. Sie stehen mitten im riesigen Raum. Mit ihren schwarzen Rahmen, den aufgeklebten Vermisstmeldungen von jungen Mädchen und den Schmierereien auf dem Glas scheinen sie direkt einer Bushaltestelle entnommen. Dabei stehen sie in Reih und Glied nebeneinander, als wäre man auf einem Friedhof mit überdimensionierten Grabsteinen. Die Glasscheiben vibrieren nervös, als würde ein leiser Wind durch den Raum blasen – oder ist es das Atmen der Verschollenen oder das Geräusch der Hoffnung, dass die Jugendlichen doch noch leben?

Teresa Margolles, La búsqueda, 2014; Ausstellungsansicht Migros Museum für Gegenwartskunst; Foto: FBM Studio; Courtesy the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zurich

Die künstlerischen Mittel, mit denen Teresa Margolles seit den 1990er-Jahren Gewalt, Tod und soziale Ausgrenzung thematisiert, waren schon sehr viel provozierender als in Zürich und haben bereits einige Skandale ausgelöst. In Wien hängte sie 2003 ein 24 Meter langes Leichentuch aus ihrer Heimat auf, das als Zwischenlager für mehrere Leichen vor der Autopsie benutzt worden war. Die Ausstellung konfrontierte die Zuschauer dabei nicht nur mit den Abdrücken der Gewaltopfer, sondern auch mit dem Geruch der Toten. In einer anderen Ausstellung zeigte sie die gepiercte Zunge eines Jugendlichen, der auf der Strasse umgebracht worden war. Margolles kaufte diese der Familie ab.

Provokation um des Skandals Willen? Die Leichen, die die Künstlerin und doktorierte Gerichtsmedizinerin untersucht und behandelt, sind meist entweder unidentifizierbar oder die Menschen gehören einer Schicht an, die sich ein Begräbnis nicht leisten kann. In beiden Fällen finden die menschlichen Überreste in einem Massengrab ihre vielleicht erste und letzte Ruhe. Dank dem Geld für die Zunge konnten die Eltern ihrem Sohn eine Bestattung ermöglichen.

Margolles weist in ihren Werken auf soziale, gesellschaftliche und politische Missstände hin. In Mexiko starben 2011 schätzungsweise rund 13‘000 Menschen im Drogenkrieg. Aber auch die meisten anderen Länder der Welt sind auf die eine oder andere Art und Weise in den Drogenhandel verstrickt. Man darf bei Margolles‘ Kunst aber auch an den internationalen Organhandel denken; oder daran, dass ihr Land eine der höchsten Kidnapping-Raten und der Körper je nach sozialem Status einen höheren oder tieferen Marktwert hat.

Margolles hätte der Familie auch einfach das Geld für die Bestattung in die Hand drücken und kein oder ein gefälliges Kunstwerk machen können. Sie tut es stattdessen auf die Art, wie es die Täter tun und macht sich damit mitschuldig. Sie tauscht zwar nicht Geld gegen Leben, aber Geld gegen eine Bestattung. Das ist radikal und – so meine Meinung – vor diesem Hintergrund und in dieser minimalistischen ästhetischen Form aufrüttelnder und würdevoller als wenn sie Krimis, die im Drogenmilieu spielen, geschrieben oder gedreht hätte, um zwei andere äusserst populäre künstlerische Darstellungsformen zu nennen, bei denen brutale Gewalt oft detailliert dargestellt wird, ohne überhaupt noch Aufsehen zu erregen.

Lediglich wie ein leicht verschmutztes Wässerchen wurden Ende Mai 2014 die Ergebnisse der gesamteuropäischen Studie zu den Drogenrückständen von 42 Städten in den Medien behandelt. Dabei liegt die ehemalige «Needle-Park»-Stadt bei der Untersuchung zu den Kokainrückständen im Abwasser hinter Antwerpen und Amsterdam auf Platz drei. Die hochgerechneten Daten lassen darauf schliessen, dass in Zürich täglich rund 1,6 Kilogramm der Droge konsumiert werden, oder anschaulicher: rund 32’000 Kokain-Linien bei einer mittleren akuten Dosierung von 50 mg pro Linie.

Nachdem ich mir all diese Gedanken über Margolles‘ Kunst gemacht hatte und noch immer auf der Bank sass und mich fragte, ob das Berühren des leichenwasserangereicherten Betons eklig sei, erinnerte ich mich, dass im Garderobenkästchen des Museums ein H&M-Sack mit einem neuerworbenen Hemd liegt. Da schoss mir plötzlich durch den Kopf, dass womöglich in einem fremden Land eine Näherin, kurz nachdem sie an meinem Hemd gearbeitet hatte, wegen unmenschlicher Arbeitsverhältnisse vor Erschöpfung zusammengebrochen und gestorben sein könnte.

 

Bild 1:
Teresa Margolles, Mesa y dos bancos, 2013; Ausstellungsansicht Migros Museum für Gegenwartskunst; Foto: FBM Studio; Sammlung Migros Museum für Gegenwartskunst
Bild 2:
Teresa Margolles, La búsqueda, 2014; Ausstellungsansicht Migros Museum für Gegenwartskunst; Foto: FBM Studio; Courtesy the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zurich

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