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Kunst vors Volk!

Von Felix Ghezzi 8. Oktober 2014 6 Kommentare

Würde man unter den alteingesessenen Museumsbesuchern eine direktdemokratische Abstimmung über die aktuelle Ausstellung «Gastspiel» im Museum Rietberg machen, das Resultat wäre klar und deutlich. Glaubt man dem Kurator Damian Christinger, so müssten die Werke der Schweizer Künstlerinnen und Künstler nach einem solchen Wahlgang sofort ausgeschafft werden.
Yves Netzhammer: Gastspiel. Schweizer Gegenwartskunst im Museum Rietberg. Foto: Felix Ghezzi

Einziger Seelentröster für das bodenständige Rietberg-Volk ist die Tatsache, dass die zeitgenössischen Kunstwerke nach dem 9. November wieder in ihre Atelier- und Galerienheimat geschickt werden und die gute alte Ordnung (vorderhand?) wieder hergestellt wird. Aber es bleibt der schale Nachgeschmack, dass der Aufenthalt und die Ein- und Ausschaffung auf Kosten der ehrlichen Steuerzahler ging. Dass es überhaupt so weit kommen konnte, weist auf die sich immer deutlicher abzeichnende «linke Diktatur»* hin, die sich im kulturellen Bereich zum ersten Mal mit dem Putsch auf das medizinhistorische Museum öffentlich manifestierte.

Das von der Stadt Zürich betriebene Museum Rietberg ist ganz offensichtlich daran, die «Entkunstung» der Institution voranzutreiben und die Tradition des Hauses, Kunst aus China, Japan, Kongo, Gabun, Kamerun oder Nigeria, in Frage zu stellen. Es würde eigentlich reichen, stellvertretend dafür den hässlichen, gerollten, hellbraunen Teppich zu erwähnen, der bestimmt in jeder Zürcher Sozialwohnung zu finden ist. Einen solchen erfrechte sich Stefan Burger völlig zusammenhangslos in die gleiche Museumsvitrine zu legen wie den chinesischen «Topf mit schwarzen Strichen», der aus dem Neolithikum stammt. Der «Künstler» glaubt wohl, er könne einen Haushaltsgegenstand durch das Ausstellen in den heiligen Hallen des Museums zur Kunst erheben!
Stefan Burger: Gastspiel. Schweizer Gegenwartskunst im Museum Rietberg. Foto: Felix Ghezzi

Wie kann es zudem dazu kommen, dass an einem solch renommierten Ort ein Video von Yves Netzhammer gezeigt wird, in dem zwei 3-D-animierte, primitive Figuren einen Zungenkuss vollführen, wo es doch nur wenige Räume weiter zarte und filigrane Zeichnungen von sich paarenden indischen Liebenden zu sehen gibt? Oder eine im 19./frühen 20. Jahrhundert von äusserst einfühlsamer Hand geschaffene Holzskulptur aus Côte d`Ivoire, bei der die Museumsverantwortlichen vorerst nicht sicher waren, ob es sich wirklich um eine weibliche Figur handle, da das primäre Geschlecht sowohl eine riesige Vagina wie auch ein kleiner Penis hätte sein können.

Natürlich dürfen bei einer solchen Ansammlung von Gegenwartskunst auch Fischli/Weiss nicht fehlen. Das Künstlerduo bewies bereits mit ihrer sogenannten Skulpturengruppe «Plötzlich diese Übersicht», dass sie keine Ahnung von der Tonbrennerei haben. Diese Dilettanten haben für die Ausstellung die Oberfläche von vier Betonplatten – auf der Homepage beschönigend «Betonlandschaften» genannt – behauen und in den Garten hinter der Villa Schönberg gesetzt. Der während der Vorbereitungszeit zur Ausstellung verstorbene David Weiss soll gemäss Damian Christinger jahrelang sehr oft im Museum Rietberg anzutreffen gewesen sein. Rührend, wie der Kurator bei einem Rundgang durch das Rietberg-Gelände den Einfluss der chinesischen Kunst auf die Betonelemente heraufbeschwor.

Zum Abschluss soll von einem Bürger oder einer Bürgerin die Rede sein, der oder die ehrenhaft für die wahren Künste eintritt. Sein/ihr Name ist bisher leider noch unbekannt, aber dem Mut, für das Richtige zu kämpfen, gebührt grosse Ehre. Vermutlich nach Mitternacht, wenn endlich die kitschig-bonbonfarbige Videoprojektion von Pipilotti Rist auf die Eingangsfassade der Villa Wesendonck erloschen war, stieg die Person bereits zwei Mal auf den Gipfel der Himalaya-Fichte im Park, um das Kabel aus dem Lautsprecher zu ziehen und dem Propaganda-Geknarr von Peter Regli, das daraus krächzte, zum Verstummen zu bringen.

Doch wer denkt, solche Zivilcourage sei in Zukunft nicht mehr nötig und das Gerücht über die Behauptung der Entkunstung der Museen sei reine Übertreibung, der hat das Programm des Zürcher Kunsthauses noch nicht studiert. Bereits am 10. Oktober 2014 wird das wunderbar fragile und kanonisierte Werk von Egon Schiele zusammen mit den von fleischlichen Hässlichkeiten bevölkerten Leinwänden der jungen britischen Malerin Jenny Saville ausgestellt. Es ist höchste Zeit, dass das Volk über Ausstellungen direktdemokratisch abstimmen kann!

* Das Wort «Diktatur» wird von dem bekannten ehemaligen Museumsleiter Christoph Mörgeli immer öfter öffentlich gebraucht und dem Volk schmackhaft gemacht: Nachzusehen bei Tele Züri jüngst (hier: 29min10s) oder am 22.6.2014 («Mir sind uf äm Weg i dä Schwiiz zu nere Diktatur», 28min54s) oder immer wieder gebraucht in seinen Hofkolumnen in der Weltwoche.

Fotos: Felix Ghezzi. Mit freundlicher Genehmigung des Museums Rietberg.

6 Kommentare

  • Cornelia Heinz

    Bravo! Die Mehrheit hat eben nicht immer Recht. Ohne Nischen nix Neues. Und von Neuem, Anderem lebt Kunst. Was macht uns Menschen besonders? Richtig, die Kunst.

    • Felix Ghezzi

      Vielen Dank, du sprichst mir aus dem Herzen!

  • […] Würde man unter den alteingesessenen Museumsbesuchern eine direktdemokratische Abstimmung über die aktuelle Ausstellung «Gastspiel» im Museum Rietberg machen, das Resultat wäre klar und deutlich. Glaubt man dem Kurator Damian Christinger, so müssten die Werke der Schweizer Künstlerinnen und Künstler nach einem solchen Wahlgang sofort ausgeschafft werden. > mehr […]

  • Anne Rüffer

    Grossartig, die feine Ironie! Weiter so.
    Anne Rüffer

  • […] Würde man unter den alteingesessenen Museumsbesuchern eine direktdemokratische Abstimmung über die aktuelle Ausstellung «Gastspiel» im Museum Rietberg machen, das Resultat wäre klar und deutlich. Glaubt man dem Kurator Damian Christinger, so müssten die Werke der Schweizer Künstlerinnen und Künstler nach einem solchen Wahlgang sofort ausgeschafft werden. > weiter im Text geht es in meinem Blogpost für «Karl der Grosse» […]

  • […] meinem letzten Blogeintrag habe ich anhand der Ausstellung «Gastspiel» im Museum Rietberg eine Parodie auf konservative […]

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