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Lebensqualität kommt von Dada, nicht von Statistik

Von Felix Ghezzi 16. März 2015 3 Kommentare

Statistisch betrachtet, sind Sie selber schuld, wenn Sie in der Stadt Zürich wohnen und unzufrieden sind. Denn einmal mehr hat die Mercer-Studie der Stadt Zürich die Silbermedaille für die weltweit höchste Lebensqualität verliehen – hinter Wien und vor Auckland, München, Vancouver, Düsseldorf, Frankfurt, Genf, Kopenhagen und Sydney.

Die Vergleichsstudie wurde in 230 Grossstädten durchgeführt, 39 Kriterien wurden beurteilt. Ausschlaggebend für die Lebensqualität sind unter anderem politische, soziale, wirtschaftliche und umweltorientierte Aspekte oder Faktoren wie persönliche Sicherheit und Gesundheit, Bildungs- und Verkehrsangebot.

Aber Statistiken klammern natürlich das Individuum und sein Schicksal aus. Und so nützt es einem nichts, wenn man in einer Vorzeigestadt wie Zürich lebt, aber die eigene Befindlichkeit nicht wie im Herkunftswörterbuch von «wohnen» auf die Bedeutung «sich freuen, zufrieden sein» im Gotischen zurückführen kann.

Zürich war übrigens nicht immer so beliebt wie heute. Als ich in dieser Stadt zur Welt kam, nannte man sie zwar eine «A-Stadt»; damit war aber kein «Upper Medium Grade» für die Bonität des Finanzplatzes gemeint, sondern das A stand in den 1970er- bis 1980er-Jahren für eine «sozial abgewertete Stadt mit einem überproportionalen Anteil an Alten, Arbeitslosen und Abhängigen».

Das ist nun zum Glück Geschichte. Trotzdem noch unzufrieden in Zürich? Dann fragen Sie sich vielleicht: «Wie erlangt man Seligkeit?» «Indem man Dada sagt.» Das war eine der Antworten aus Hugo Balls erstem Dada-Manifest am 14. Juli 1916 auf den Irrsinn des (1. Welt-)Kriegs und den Rationalitätswahn. Wir haben von beidem noch immer genug auf der Welt. Kiew rutschte wegen der Ukraine-Krise in der Mercer-Studie auf Platz 176 ab, Bagdad ist auf dem letzten Platz.

Wer weiss, ob wieder Zeiten kommen, wo Zürich, wie zur Gründungszeit der Dada-Bewegung in dieser Stadt, zu einem Zufluchtsort für Künstler und Intellektuelle wird. Noch sind die Kriege nicht so nah und niemand muss wie Hugo Ball in sein Tagebuch schreiben «Wenn ich jetzt abermals flüchten wollte, wohin sollte ich gehen? Die Schweiz ist ein Vogelkäfig, umgeben von brüllenden Löwen.»

Die Dadaisten haben es nicht geschafft, ihre Ziele umzusetzen und die metaphysischen und psychologischen Dimensionen zu ändern, Hierarchien zu beseitigen und Werte aufzubrechen. Aber sie sind immerhin noch sehr präsent in Zürich, und ihr Erbe wird im «Cabaret Voltaire» fortgeführt.

Niemand wird bestreiten, dass ein breites kulturelles Angebot nicht zur Lebensqualität einer Stadt gehört. Es ist deshalb vielleicht die Ironie dieses Blogposts, dass mir die Ausstellung «Dada x Statistik» vom 25. Oktober 2013 bis zum 2. Februar 2014 im «Dada-Haus» bei dem grossen Angebot in Zürich entgangen ist. Die Ausstellung war eine Zusammenarbeit von «Statistik Stadt Zürich» und dem «Cabaret Voltaire» und zeigte sowohl die Geschichte des Dadaismus als auch die Entwicklung der Stadt Zürich von 1913 bis 2025 auf.

Nun kann man seit dem 17. Februar 2015 alles im «Dada-Haus» Verpasste in Form eines schön illustrierten E-Books im PDF-Format herunterladen und nachlesen. Daraus stammen auch einige Zahlen, Hinweise und Zitate aus diesem Text. Es lohnt sich, darin zu schmökern und sich überraschen zu lassen, wie die Stadt Zürich sich in den letzten hundert Jahren in mancherlei Hinsicht verändert hat – und wie spannend Statistiken sein können.

Zufriedener macht einen das Wissen, in der Stadt mit der zweithöchsten Lebensqualität zu leben, nicht. Vielleicht kann man sich aber folgenden Satz der Dadaisten zu Herzen nehmen: «Der Dadaist liebt das Aussergewöhnliche, ja das Absurde. Er weiss, dass sich im Widerspruche das Leben behauptet».

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