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Wahlbeobachter

Lieber klein als kolossal oder Der Strauhof als Chance

Von René Scheu 29. November 2013 Keine Kommentare

Zuerst das Bekenntnis, dann die Moral: Ich bin ein kulturinteressierter Mensch, hege aber eine gewisse Grundskepsis gegenüber Segnungen in Form staatlicher Kultursubventionen.

Zürich bildet sich viel darauf ein, eine Kultur-(Haupt-)Stadt zu sein, und sie tut dies mit einer gewissen Nonchalance (oder ist es Arroganz?). Sie bietet auch viel Kultur, keine Frage. Fühlt sich ein Theateraficionado zuweilen etwas einsam in seiner Sitzreihe, denkt er im Stillen, dass die vielen tollen Kulturangebote einfach zu wenig genutzt werden. Er könnte freilich auch die Perspektive wechseln und sich trotz eigener Begeisterung eingestehen: Es werden dem grossen Publikum oftmals die falschen Angebote unterbreitet.

Klar ist, dass selbst jene, die die bestehenden Angebote nutzen, notorisch beklagen: Theater- oder Opernhausbesuche sind (zu) teuer. Dabei bezahlen sie im besten Fall einen Teil des tatsächlichen Preises. Den grossen Rest berappen jene, die in der Stadt Steuern bezahlen (und darunter sind zweifellos auch viele Kulturmuffel). Darum finde ich auch hier: mehr Markt (und Kostenwahrheit für alle), weniger Staat (und Subventionierung für einige wenige).

Nun hat die bestehende grün-rot-alternative Stadtregierung unter Corine Mauch beschlossen, eine kleine Kulturinstitution zu schliessen, um Geld zu sparen (rund eine halbe Million Franken im Jahr). Das Sparbestreben ist zwar löblich, das Ziel des Sparangriffs jedoch verfehlt, denn hier wird reine kulturpolitische Symbolpolitik betrieben. Es geht, Sie ahnen es, um die Schliessung des Museums Strauhof an der Augustinergasse.

Gibt es ein Museum in Zürich, das sehr viel für sehr wenig Geld leistet, so ist es dieses kleine Literaturmuseum, das stets spannende Ausstellungen aus der Welt der Literatur beheimatet. Ich erinnere mich an zahlreiche Museumsbesuche, die wirklich belebend und erfrischend waren. An eine Ausstellung zum schrägen Aargauer Schriftsteller Hermann Burger beispielsweise. Der Strauhof verhiess einen Burger zum Anfassen – und löste die Verheissung ein: Zigarren, Hüte und weitere Clownerien, Burger zum Ansehen, Burger zum Mithören, Filmausschnitte aus alten Fernsehsendungen.

Oder die Exposition zu Max Frisch. Immer überraschend. Immer anregend. Immer gut. Etat des Museums: rund 1,5 Millionen im Jahr. Nun soll aus dem Literaturmuseum ein junges Literaturlabor werden. Nichts gegen das neue Projekt – aber warum soll das schlanke, effiziente und weit über die Schweiz hinausstrahlende Literaturmuseum nun plötzlich einer modischen Initiative weichen, während Schauspielhaus und Opernhaus weiter mit der grossen Kelle anrichten dürfen – mitunter auf Kosten der Stadt bzw. ihrer Steuerzahler?

Der Publizist Bernhard Echte spricht mit Blick auf die angedachte Schliessung des Strauhofs in der NZZ von einem «dem Zeitgeist geschuldeten Schildbürgerstreich.» Ich fürchte, er hat Recht.

Darum, liebe bürgerliche Stadtratskandidaten: Das ist Eure Chance! Nehmt Euch der Angelegenheit an. Hier könnt Ihr Euch endlich einmal als kulturengagierte Zeitgenossen profilieren, die sagen: lieber klein und fein als gross und kolossal. Das rot-grün-alternative Publikum wird es Euch bestimmt danken. Denn einen solchen Vorstoss hätte es Euch nie und nimmer zugetraut.
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PS. Ab Dezember ist im Strauhof der deutsche Schriftsteller Alfred Andersch angesagt. Von ihm stammt der Satz: «Man kann alles richtig machen und doch das Wichtigste versäumen!»
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Weiterführende Links
Junges Literaturlabor Strauhof
Gastkommentar zur Strauhof-Schliessung, Bernhard Echte, NZZ
Petition: Das Literaturmuseum Strauhof muss erhalten bleiben

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