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Lieblingsuhr

Welches ist Ihre Lieblingsuhr in Zürich? Meine ist die grosse Uhr im Hauptbahnhof. Sie ist wohl die meistbeachtete Uhr in unserer Stadt: 400‘000 Menschen eilen morgens unter ihr vorbei, wenn sie zur Arbeit pendeln. Und dieselben Männer, Frauen und Kinder hasten abends abgekämpft vom Tagewerk mit letzter Kraft zur geöffneten Tür des Zuges, der sogleich abfährt.

Und haben Sie schon genau beobachtet, was passiert, wenn der Sekundenzeiger senkrecht oben ankommt? Genau, er bleibt einen Moment stehen – Innehalten; eine kleine Ewigkeit inmitten der verfliessenden Zeit. Einfach grossartig! Ob beim Ankommen oder Weggehen, der ängstliche Blick auf die Uhr: «Reicht es noch?» gehört so sicher zum Bahnhof wie das Amen zur Kirche.

Nicht ängstlich, sondern voller Erwartung haben Hunderttausende in der Silvesternacht auf das grösste Zifferblatt Europas am St. Peter geschaut. Für die Stadtseele ist diese Uhr die Lieblingsuhr, weil sie am Sechseläuten der ganzen Welt zeigt, wann es in Zürich sechs Uhr abends ist – und sie misst auch, wie lange der «Böögg» brennt. Auch hier: Wenn der Minutenzeiger senkrecht oben ankommt, bleibt er kurz stehen – Kirchtürme sind Zeigefinger der Ewigkeit, die immer wieder in den Fluss der Zeit einbricht.

Inspiriert zur Idee der Lieblingsuhr hat mich eine Begebenheit im vergangenen Herbst, beim Fest der Stadtpolizei zur Brevetierung neuer Polizistinnen und Polizisten. Der Kommandant, Daniel Blumer, stellte einen Satz ins Zentrum seiner Rede, den ihm ein Aspirant geschrieben hatte: «Eine Polizei ist gut, wenn sie wie meine Lieblingsuhr funktioniert! Sie geht mit der Zeit, sie ist ständig da, auch wenn ich nicht auf sie schaue. Sie läuft zuverlässig im Hintergrund und ist dann zur Stelle, wenn ich sie brauche.»

Was für die Polizei gilt, gilt für alle Freunde und Helfenden. Der Vater, der dem Sohn bei den Hausaufgaben hilft: Auch ich bin Deine Lieblingsuhr! Der Bäcker, der dem Kind eine Brezel gratis auf den Weg gibt: Auch ich bin Deine Lieblingsuhr! Die Pfarrer, Sozial-Diakonininnen, all die Freiwilligen im, um und ausserhalb des Kirchenraumes, die auch dieses Jahr Gastgeber für Tausende von Gästen sind: Auch wir sind Deine Lieblingsuhr! Das Personal im «Karli»: Auch wir sind Deine Lieblingsuhr!

Vorsätze zu Beginn des Jahres rinnen durch Gedächtnis und Gewissen wie die Zeit durch die Hände. Vielleicht lohnt es sich, zu Beginn des Jahres weniger nach Vorsätzen Ausschau zu halten, sondern sich konkret bewusst zu werden, für wen ich in diesem Jahr die Lieblingsuhr bin oder werden will. Vielleicht beobachte ich dann hin und wieder, dass der Zeiger für einen Augenblick senkrecht oben stehen bleibt – Fingerzeig von oben, dass einer sich immer und ewig Zeit nimmt.

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