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Liechtenstein – Zürich – Toskana

Von Martina Bischof 8. November 2013 Keine Kommentare

Kürzlich bereiste ich wieder einmal die Toskana.

Dazu später mein Gedanke. Ich lebe seit 13 Jahren, 2 Monaten und ca. 20 Tagen in Zürich. Aufgewachsen bin ich in Balzers, dem südlichsten Dorf Liechtensteins.

Liechtenstein war immer ein armes Land. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg, wie man weiss. Auch die Liechtensteiner Landesfürsten wollten bis Anfang des 20. Jahrhunderts nichts wissen von einem Dasein im Liechtensteinischen – im schönen absolutistischen Wien liess es sich allemal besser leben als auf dem Schlosshügel inmitten einiger lumpiger Bauerndörfer bestehend aus einfachsten Holzhäusern – um nicht zu sagen -hütten. Um nach dem Rechten zu sehen, das Land zu verwalten, den Monarchen zu vertreten, entsandten die Fürsten anno dazumal Landvögte, welche dem Fürsten in Wien Bericht darüber erstatteten, wie es so lief in den beiden um 1700 zusammengekaufen Landesteilen.

Man kann es sich fabelhaft vorstellen – selbige Österreicher waren nicht die liebsten Zeitgenossen der liechtensteiner Ortsoriginale, was selbstverständlich zu Rüpeleien und Handgreiflichkeiten führte. Und in wirtschaftlichen Dingen lief es also gar nicht rosig: Um 1809 – Liechtenstein war drei Jahre zuvor faktisch unabhängig geworden durch die Aufnahme in den Rheinbund – schrieb Landvogt Josef Schuppler: «Es ist das ärmste Land das es auf der Welt geben mag.» Weder Landwirtschaft noch Gewerbe noch Handelstätigkeiten waren sehr ertragreich. Von einem Finanzplatz nicht zu reden, geschweige denn – offensichtlich – von einem Antrieb zur Kulturtätigkeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg würde sich die Lage zu schnell ändern.

In Zürich stand zu derselben Zeit schon lange das Grossmünster an der Limmat, die ursprünglichen beiden Glockentürme waren bereits durch die aktuellen Turmabschlüsse ersetzt worden. 150 Jahre zuvor war der barocke Schanzenstern gebaut worden. Das Fraumünster stand längst in voller Pracht und auch der Neue Markt am heutigen Paradeplatz bestand, gesäumt von der mittelalterlichen Stadtbefestigung. Wie man sicher auch weiss. Man könnte hier viele Orte nennen, welche Zeichen waren kultureller Tätigkeit.

Nach Zürich gekommen bin ich, weil ich in einer Stadt leben wollte. Ich kannte Zürich selber kaum. Was mich herzog war die Aussicht auf Anonymität, Vielfalt und Kontraste ebenso wie auf allerlei Möglichkeiten. Erst allmählich wurde mir durch die Konfrontation mit der Architektur, dem städtischen Raum, in dem ich nun lebte, und durch das Reisen klar, wie schräg sich die plötzliche Wandlung Liechtensteins von einem Kleinbauernvolk zu einem Finanzplatz und Industriestandort auf die Architektur und die Ortsplanung auswirkte: Nichts wäre dringender als ein kritischer Blick gegen innen und eine offene dynamische Haltung gegenüber den Themen der Stadt zur Behebung der dortigen städteplanerischen Missstände. Es dauerte lange, bis ich einen objektiveren Blick auf den Ort werfen konnte, in dem ich aufgewachsen bin.

Also in Florenz vor Albertis Fassade der Basilika Santa Maria Novella stehend dachte ich darüber nach, wie unterschiedlich die baulichen und künstlerischen Leistungen innerhalb eines relativ kleinen Radius‘ doch sein können. Gleichzeitig mit der Fertigstellung dieser allerfeinsten Renaissancefassade haben die Liechtensteiner – zu der Zeit waren’s ja noch zwei Grafschaften unter der Herrschaft der Hohenemser – vielleicht ihre Behausungen aus der Ebene an den Hang verlegen müssen, weil der Rhein einmal mehr über seine Ufer trat. Während Zürich gerade so viele Einwohner hatte wie das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin.

Die Fassade der Basilika wurde also nach jahrzehntelanger Bautätigkeit Mitte des 15. Jahrhunderts schliesslich fertig. Dafür – wohlgemerkt – wurde aber den Zürchern ein Junge mit Nachnamen Zwingli gegen Ende desselben Jahrhunderts im toggenburgischen Wildhaus in einem Holzhaus geboren. Und damit bin ich schon fast beim nächsten Blogthema angekommen.

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