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Liquidtown

Von Felix Ghezzi 20. April 2015 1 Kommentar

Das Jahr 2015 wurde von Historikern und ganz besonders von Hobbyhistorikern zum Mythenjahr erklärt, und die Deutungshoheit kriegt langsam aber sicher durch die Letzteren den rechten Drall. Trotzdem ging es am «Stammtisch: Mythos Zürich» vom vergangenen Dienstag im Karl der Grosse weder um Hoheitsansprüche des Zürcher Volkes an die Schlacht bei Marignano noch um Felix und Regula.

Das blaue Foyer im 2. Stock des Karl entsprach zwar ganz dem Bild, das man mit einem Stammtisch verbindet, ein solider und stämmiger Tisch fehlte jedoch. Stattdessen ein paar schwarze Stühle, zwei zusammengerückte Seminartische und ein Flipchart. Der Beamer wurde eingeschaltet und die Social Space Agency stellte sich vor. Drei «SozionautInnen» aus Bern wollten mit ein paar Zürcherinnen und Zürchern darüber diskutieren, was Zürich ausmacht und wie das eigene und das allgemeine Bild von der Stadt verändert werden kann.

Gemeinsam suchte man einen neuen, bedeutungsvollen Namen für Zürich – fern von «Downtown Zurich» und «Little Big City». Im Plenum wurde demokratisch und einstimmig «Liquidtown» zum Sieger gekürt: Der Zürichsee, die Limmat und Sihl prägen für alle Beteiligten das Bild der Stadt. Aber natürlich auch der üppige Geldfluss, die trinkfreudige Partyszene und die spritzende Drogenvergangenheit. Es stand aber auch der Name «Monopolarcity» zur Auswahl, ersonnen aus Monopoly und Polaritäten wie «Gucci-Tasche vs. Falafeltasche».

Der Grund, wieso die Social Space Agency zu den Polterern am Stammtisch berufen wurde, war jedoch ihre Mission, Menschen die Augen zu öffnen und ihnen die Möglichkeit zu geben, anhand von verschiedenen Techniken das eigene soziale Umfeld neu zu entdecken; auf bisher übersehene, versteckte oder verdrängte Aspekte der Stadt aufmerksam zu machen.

Zum Beispiel mit dem «Conceptual Filter». Es ist nichts anderes als das Aufsetzen einer Brille. Man wählt einen Begriff und erkundet anhand dessen seine Umwelt. Ich mache in Gedanken einen Spaziergang durch Zürich und suche nach Orten, wo keine «Hektik» herrscht, sondern es «gemütlich» ist; statt der Brille «Kreativität» setze ich die der «Destruktion» auf; an Stelle von Erlebnissen mit «arrogantem» Servicepersonal erinnere ich mich an «zuvorkommende» Buschauffeure. Oder ich gehe aus meinen vier Wänden raus, durch die Strassen, und achte auf alles was «gelb» ist oder «billig» oder «weich» oder auf alles, das ich mit dem Begriff «Hoffnung» oder «Erhabenheit» verbinde.

Mit solchen Filtern oder Brillen gehen wir alle durchs Leben und erschaffen uns unsere Mythen. Man kann mit der Neutralitäts-Brille durch die Schweizer Geschichte wandeln oder mit dem Traktor und der Ausländerkriminalitäts- und IV-Missbraucher-Brille durch Zürich fahren. Wieso aber nicht mit «netteren» Gläsern die Stadt betrachten und geniessen, ohne gleich die rosarote Brille aufzusetzen?

So oder so: Ich wünsche Ihnen beim nächsten Mal am Stammtisch – mit einem Bier oder mit ebenso liquidem ZH2O Züriwasser: Prost!

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