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Luxus

Von Christoph Sigrist 4. Dezember 2014 Keine Kommentare

In diesen Wochen bringt man mir öfter als sonst Mitleid für meine Arbeit entgegen. «Sie haben jetzt sicher viel zu tun. Advent und Weihnachten, das ist ja Ihre wichtigste Zeit.» Nun, das stimmt. Und: Zu den wichtigsten Tätigkeiten des Pfarrberufes gehören die Besuche. Von zwei Besuchen in diesen Tagen möchte ich bloggen. Sie zeigen symptomatisch, was denn wirklich Luxus ist angesichts der Luxusartikel in der weihnächtlich beleuchteten Bahnhofstrasse.

Vor einer fest verriegelten Eichentür stehe ich und kann nicht anders, als mehrfach zu klingeln. In unserem «Dorf» gibt es eine hohe Fluktuation an Menschen, die in Wohnungen einziehen und wieder ausziehen. So besuche ich nun schon die dritte Generation in dieser ausgebauten Altstadtwohnung. Eine freundliche Stimme meldet sich durch die Gegensprechanlage. «Ich bin Ihr Nachbar und möchte Sie herzlich begrüssen.» «Ja, kommen Sie herauf.» Die schwere Tür öffnet wie von unsichtbarer Hand, ich steige die Treppe hoch zur zweiten schweren Tür. Dort noch einmal klingeln. Und endlich bin ich in der Wohnung.

Die Begegnung ist freundlich. Eine Studentin ist eingezogen. Sie studiert an der ETH Ernährungswissenschaften. Wir kommen kurz ins Gespräch. Sie erzählt von ihrer Konfirmation und ist erstaunt, dass der Pfarrer persönlich vorbeikommt. «Sonst läuten meistens die Zeugen Jehovas.» Ich verabschiede mich. Die Tür zur Wohnung schliesst sich. Ich steige die Treppe hinunter und möchte die schwere Eichentür öffnen. Nichts bewegt sich. Ich rüttle, reisse fast die Türklinke aus der Fassung. Nichts rührt sich. Schweissperlen auf meiner Stirn melden, dass ich nun ein Problem habe.

Ich läute erneut. Die Stimme antwortet – jetzt leicht verstimmt: «Hallo.» «Nun, es ist mir peinlich, ich bin‘s nochmals, der Pfarrer. Ich komme nicht mehr hinaus!» «Ich komme schnell hinunter». Ich höre die obere Tür sich öffnen; sie fällt ins Schloss. «Sch…», macht die freundliche Stimme nun vollends verärgert. «Jetzt habe ich mich rausgesperrt!» Pfarrer wie neuzugezogenes Mitglied treffen sich vor verschlossener Tür unten. «Da ist der weisse Knopf», sie drückt. Die Tür geht auf. «Und Sie?» «Nun, ich hoffe, die Nachbarin ist da.»

«Super Technik, einbruchssichere Türen, Luxusschlösser – doch ohne Menschen, die helfen, geht keine Tür auf.» Mit diesen Gedanken gelange ich in die Freiheit und schreite durch unsere Gassen zur nächsten Tür.

Ich trete ins Alters- und Pflegeheim, in die mir verschlossene Welt einer alten, an Demenz erkrankten Frau. Von verschlossener Tür zur verschlossenen Welt. Sie sitzt in Gedanken versunken in ihrem Stuhl. «Guete Tag, Frau Meier!»1 Das eine geschlossene Auge öffnet sich, und Frau Meier wagt einen Blick zu mir. Ich gehe ganz nah zur ihrem Gesicht. «Ich bin der Pfarrer vom Grossmünster, von Ihrer Kirche. Ich möchte Ihnen die Grüsse zum Advent geben.»

Ihre zittrige Hand sucht meinen Bart. «Ah, Herr Pfarrer!» Und sie taucht wieder in ihre Welt ab. Gedankenfetzen finden den Weg durch das Fenster ihrer Welt ins Zimmer. Sie erzählt mir auf Englisch und Deutsch wild durcheinander von ihrer Zeit in England und Indien. «Mahatma Gandhi, ja, sehr gut.» «Krönung der Queen, very nice.» Plötzlich: «Schauen Sie da, Büsi aus Ägypten!» Und in der Tat steht auf einem Regal eine Katze, gefertigt aus Marmor im ägyptischen Stil. Ich weiss von Frau Meiers ehemaliger Wohnung, dass sie Katzen liebte und zwei mit besonderer Liebe und Achtsamkeit hegte und pflegte. Frau Meiers Hand hält meine und streichelt darüber, als wäre ihre so sehr vermisste Katze plötzlich wieder da.

Zum Abschied suche ich ihre Augen und sage laut in das mir nähere schwerhörige Ohr: «Ich verabschiede mich nun. Ich denke an Sie, zünde noch eine Kerze für Sie im Grossmünster an!» Ein Ruck geht durch ihren Körper. «Das isch Luxus. Dradänke isch Luxus. Wänn eine dradänkt, isches Luxus.»

Spiegelt er sich noch im goldenen Luxus an der Bahnhofstrasse, dieser menschliche «Luxus» im vergessenen Zimmer der alten Frau mit ihrer verschlossenen Welt? Reflektiert er sich im «Luxus» der Schaufenster in der Nachbarschaft, der unbezahlbare Reichtum menschlicher Hilfe, die mehrfach verschlossene Türen öffnet?

Weiss Gott – adventliche Gedanken, denen nachzuhängen es sich lohnt. Beim Hinausgehen wirft mir die alte Frau Meier Handküsse tausendfach nach… Luxus? Luxus!
 
 
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