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Mauern mauern

Von Silvan Gisler 30. Juni 2015 Keine Kommentare

Sie schienen in der Moderne ein überholtes Modell und feiern heute ein vermeintliches Comeback: Wände und Mauern. In den Köpfen aber waren sie wohl nie ganz weg. Sie sind die wichtigste Hürde, welche die liberale Gesellschaft zu überwinden hat.

Wie sähe Zürich aus, wenn es durch eine Mauer zweigeteilt wäre? Max Frisch machte sich dazu 1973 in seinem Berliner Journal Gedanken: Eine Grenze von Seebach bis Kilchberg, mit der Bahnhofstrasse für den Westen und dem Hauptbahnhof für den Osten. Zollikon wird dem Osten zugeschlagen und das Zürichhorn wird zur westlichen Enklave, die nur über einen Seekorridor zu erreichen ist. Frisch zeigte mit der dreiseitigen Notiz die Absurdität der Berliner Mauer. Und der Ausländer, welcher darin die Mauer fotografiert, erinnert damit «die Welt an eine Ungeheuerlichkeit, die ihr zwar bekannt ist.»

Das war vor vierzig Jahren. Die Mauer, auf die sich Frisch bezieht, ist weg. Andere aber entstehen: Ungarn will einen Zaun entlang der 175 Kilometer langen Grenze zu Serbien zu errichten, die USA hat einen solchen an der südlichen Grenze zu Mexiko schon lange. Die Spanier wiederum schmücken Melilla, eines der letzten Überbleibsel ihrer ehemaligen Kolonialherrschaft in Afrika, mit einem Hochsicherheitszaun und im Mare Nostrum braucht es keine Stacheldrähte, sondern 32 Militärschiffe, zwei Unterseeboote, Helikopter und Aufklärungsflugzeuge.

Und in der Schweiz? Da will im Tessin der Lega-Mann Norman Gobbi auch einen Zaun haben. Dass von der populistischen Rechten solche Vorschläge kommen, erstaunt nicht, vielmehr die ernsthafte Rezeption des Ganzen. «Grenzen dicht» scheint kein politisches No-Go mehr zu sein. Wieso? Ja, viele Flüchtlinge sind unterwegs. Viele davon innerhalb der eigenen Kontinente, doch viele andere warten auch vor den Mauern Europas. Doch betrachtet man die Realität unter historischen Relativitäten, so zeigt die Vehemenz, mit der die Zumauerung nun teilweise gefordert wird, dass der Forderung mehr als nur Tagesaktualität zu Grunde liegt: Denn es ist zwar die Aktualität, die das Momentum ergibt. Aber es ist das Denken, welches dem Handeln Legitimation verleiht. Es ist unser Geist, der die Wände errichtet, nicht der Flüchtling.

Es ist ein Geist des Mittelalters und des Krieges. Einer der Burgen und Stadtmauern. Der Gräben und Bollwerke. Ein sich über Jahrhunderte eingenisteter Reflex zur Abwehr und zum Schutz vor vermeintlichen Gefahren. Ein Narrativ, der sich in unserem Handeln und unserer Logik niederschlägt. Eine Logik, gemäss der auch eine Mauer rund um Zürich zur Abwehr von Sozialhilfebezügern legitim wäre. Oder die Einmauerung des Kreis 4 mittels Lärmschutzwänden. Und plötzlich ist Max Frisch nicht mehr so weit weg.

Doch war die Berliner Mauer eine Wand sich gegenüberstehender Ideologien, so richten sich die heutigen Wände nicht einmal mehr vordergründig gegen Ideologien, sondern direkt gegen Menschen. Denn was ist es anderes, als ein Zeichen gegen den Mensch, wenn wir sagen, wir können die Anzahl Flüchtlinge nicht bewältigen, egal ob die Anfrage berechtigt oder nicht?

Ob nun Mauern der Ausgrenzung direkt durch eine Stadt führen oder entlang einer nationalen Grenze, macht überhaupt keinen Unterschied: Sie sind Symbol einer statischen, ausgrenzenden, einschliessenden, entmündigenden, ängstlichen, indifferenten und elitären Sicht auf die Welt. Sie sind ganz einfach falsch. Und sie sind in einer liberalen Gesellschaft, will sie den als solche auch nachhaltig verstanden werden, zu überwinden. Sie müssen.
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Mit diesem Blogpost möchte ich mich verabschieden. Danke für eure Aufmerksamkeit, liebe Leserinnen und Leser. Und vielleicht werden wir uns ja bei einer Diskussion im Karl sehen. Vielen Dank auch an «Karl» Bettina und «Karl» Sabine, die sich mit meinen Blogposts (und denen die nicht kamen) herumzuschlagen hatten, ihr seid goldig. Und danke an alle die weiteren «Karls», die dieses Haus zu etwas gemacht haben, von dem die Welt nie genug haben kann: ein Ort des Austauschs. Auf die Debatte!

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