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Mein Stadtkind

Von Brigitte Federi 16. September 2013 2 Kommentare

Mein Stadtkind hält sich gerne in der Natur auf, es mag die Berge, das Meer und den Zürisee. Es mag auch den Wald, die vielen Grünflächen in unserer Siedlung und findet es megacool, dass auf unserem Balkon Tomaten, Rüebli und Erdbeeren wachsen. Mein Sohn ist aber auch ein grosser Fan von Grossstädten und Wolkenkratzern und hat in den Ferien irgendwann meist genug vom Meer oder den Bergen. Dann möchte er heim nach Zürich, er sei ja schliesslich ein Stadtkind.

Und sowieso, die vielen Insekten überall, die seien ja unglaublich nervend. Zurück in Zürich fährt man mit dem Stadtkind dann am besten bei Dunkelheit über die Hardbrücke und lässt es den Prime Tower und die Lichter der Stadt bestaunen. Und schon ist alles wieder gut.

Klar, im weltweiten Vergleich sind Kinder aus Zürich ja gar keine echten Stadtkinder. Sie sind alle schnell und ohne grossen Aufwand im Wald, am See oder Fluss, und sollten ihre Eltern diese Möglichkeiten nicht nutzen, dann sind es zumindest die Kindergärten und Schulen, die mit organisierten Ausflügen den Naturbezug fördern. Aus meinem privaten Umfeld weiss ich, dass ein Zürcher Kindergartenkind mit regelmässigen Waldmorgen oder Bauernhofbesuchen je nachdem mehr Zeit in der Natur verbringt als ein Kindergärtner vom Land, dessen Eltern mit ihm nie oder nur selten Ausflüge ins Grüne unternehmen.

Da ich selbst ländlich aufgewachsen bin und als Kind meine Zeit gern auf Bäumen und in Getreidefeldern verbrachte, war mir von Beginn an wichtig, dass auch mein Sohn genug Zeit in der Natur verbringt. Der Begriff Stadtkind schien mir diesbezüglich negativ behaftet. Heute weiss ich, wie grundlos meine Bedenken waren und ich sehe die positiven Effekte, die das Stadtleben mit sich bringt. Von klein auf erlebt mein Sohn täglich die Vielfalt der Zürcher Bevölkerung. Er steht Unbekanntem unvoreingenommen gegenüber und hinterfragt das Anderssein nicht.

Noch nie hat er mich gefragt, wieso einige der Buben, die vor unserem Haus Fussball spielen, nicht nur Fussballtrikots sondern auch eine Kippa tragen. Wieso einige unserer Nachbarn überhaupt eine Kippa tragen. Er unterteilt die Menschen nicht nach Hautfarbe, da er ihre Hautfarbe gar nicht erst wahrzunehmen scheint. Und es würde ihn wahrscheinlich erstaunen, wenn er sich anlässlich eines Schulfests, zu dem die Eltern das Essen beisteuern, nicht quer durch die Weltkarte essen könnte. Das Zusammenleben mit Menschen von überall her ist für ihn Normalität.

Ich empfinde sein Aufwachsen in Zürichs multikultureller Gesellschaft als ein schönes und auch nützliches Geschenk, das ihn für seine Zukunft in unserer globalisierten Welt rüstet und ihm hoffentlich die Gabe verleiht, Fremdem ohne Vorurteile entgegenzutreten und sich darauf mit Neugier einzulassen. Für all das nehme ich gerne in Kauf, dass er noch einige Jahre lang beim Anblick eines fremden Insekts ein kleines Drama aufführen wird.

2 Kommentare

  • seenia

    ich bin auch so ein stadtkind, ein solches, wie du hier wunderbarst beschrieben hast; mit eltern vom lande (aus dem tiefen tiefen wallis). danke dir.

    fast noch schöner finde ich ja, dass du wieder schreibst! danke!

  • […] das Aufwachsen in der Stadt keine Nachteile mit sich bringen muss, habe ich in einem meiner ersten Blogposts bereits beschrieben. Und an dieser Meinung werden auch negative Meldungen von Seiten der […]

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