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Mein Trostpflaster für Vorsatzbrecher

Von Brigitte Federi 15. Januar 2014 Keine Kommentare

Und, wie läuft es mit den guten Vorsätzen fürs neue Jahr? Nach gut zwei Wochen darf man ja doch eine erste Zwischenbilanz ziehen. Seid Ihr noch regelmässig am Joggen? Nehmt Euch genug Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben? Lasst am Morgen beim Beck das Gipfeli beiseite und kauft Euch ein Vollkornbrötli?

Einige kleine und somit nicht repräsentative Strassenumfragen Ende Dezember zum Thema gute Vorsätze haben in Zürich nichts Aussergewöhnliches hervorgebracht. Wir wollen aufhören zu rauchen, gesünder leben, weniger Alkohol trinken, uns besser ernähren. Weniger selbstkritisch sein, mehr positiv denken, mit mehr Leidenschaft an Sachen herangehen und so vieles anderes in diesem Jahr besser machen.

Passiere ich in diesen Tagen Fitnessstudios mit Glasfronten, sind die Sportgeräte gut belegt, und im Büro bringen auffällig viele Kollegen zum Zmittag Selbstgekochtes von zu Hause mit. Sogar die Mitfahrenden im Tram kommen mir weniger grummelig vor als auch schon. Bis jetzt scheint alles nach Plan zu laufen.

Für diejenigen, die diese Beobachtung jetzt frustriert, weil bei ihnen das mit dem Sport, der gesunden Ernährung oder dem perfekten Zeitmanagement auch in diesem Jahr nicht zu klappen scheint, habe ich als Trost eine kleine Geschichte aus den Neunzigern bereit:

Ich war Teil einer Gruppe von acht Personen, die zusammen Silvester feierte. Einer von uns hatte eine Videokamera dabei – was damals noch etwas Besonderes war – und im Laufe des Abends setzte sich jeder allein vor die Kamera und erzählte von seinen Vorsätzen und Wünschen fürs neue Jahr. Irgendwann später, nach viel Essen, Trinken, Lachen und Tanzen, es muss gegen fünf Uhr morgens gewesen sein, sahen wir uns die Aufnahmen gemeinsam an. Wir wünschten uns Glück in der Beziehung, den richtigen Job, die perfekte Wohnung, Erfolg in wichtigen Prüfungen oder am Arbeitsplatz – Sachen, die man sich damals Mitte Zwanzig halt so wünschte.

Im Verlauf des folgenden Jahres zerbrachen Beziehungen, Arbeitsstellen gingen verloren, Prüfungen wurden vermasselt und Traumwohnungen nicht gefunden. Kurz gesagt: Nichts von dem, was wir acht uns vorgenommen und gewünscht hatten, ging in Erfüllung. Eigentlich widerfuhr jedem genau das Gegenteil. Den Film habe ich seither nie mehr gesehen – was mit dem Ende der Beziehung zwischen dem Videokamerabesitzer und meiner Schwester zu tun hatte.

Am nächsten Silvester machte ich mir zum Vorsatz, fürs neue Jahr keine Vorsätze zu fassen, und ich halte mich bis heute daran. Zuerst aus purem Aberglauben; heute finde ich es sinnvoller, Vorsätze und Wünsche als Ziele zu sehen, die ich zu jedem Zeitpunkt des Jahres in Angriff nehmen kann. Das nimmt den Vorsätzen natürlich ein bisschen vom Pathos, das am Jahresende mitschwingt. Ein mögliches Scheitern geschieht dafür dann auch eher beiläufig und kratzt vielleicht nicht ganz so fest am Ego.

PS: Mein Umgang mit Vorsätzen soll aber bitte schön nicht für alle gelten. Zumindest nicht für Neujogger. Als langjährige, aber eben auch langsame Läuferin freue ich mich immer auf den Januar – trotz Kälte und teilweise rutschigen Strecken. Nur dann gelingt es mir nämlich, am Uetliberg regelmässig Läufer zu überholen. Leider hat dieser Spass Ende Monat schon wieder sein Ende, die Motivation der meisten Neuläufer scheint dann bereits verschwunden zu sein. Oder es ist doch so, wie böse Zungen behaupten: Die Neujogger sind nach nur vier Wochen bereits schneller unterwegs, als ich es je sein werde.

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