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Meine Wohnung ist kein Psychogramm

Von Brigitte Federi 27. März 2015 1 Kommentar

«Zeig mir wie du wohnst, und ich sag dir, wer du bist.» Ich weiss nicht, ob dieser Satz aus dem Ikea-Katalog oder einem Psychologieratgeber stammt, aber ich möchte darauf gerne wie folgt antworten: «Das gilt bei mir nicht, ich habe ein Kind!»

Denn spätestens nach der Ankunft des ersten Kindes wandelt sich die durchgestylte Pärchen- oder Singlewohnung in ein buntgemischtes und aufs Praktische reduziertes Zuhause. Wieso viel Geld investieren in etwas, das im nächsten Jahrzehnt intensiv von Kindern beansprucht wird? Das Sofa soll stabil, seine Bezüge waschbar sein. Wohnmagazine raten generell zu möglichst musterreichen Textilien, da man darauf nicht gleich jeden Fleck sieht.

Die ästhetische Leere der Wohnung verschwindet bald einmal, weil man Möbel mit Stauraum braucht, um das Daheim möglichst schnell und unkompliziert vorzeigbar machen zu können. Zwar soll es ein Paralleluniversum mit perfekt herausgeputzten Familienwohnungen geben – Wohnmagazine und –blogs berichten regelmässig darüber – in der realen Welt existieren solche Orte aber nicht. Und gäbe es sie, würden einem die Kinder darin leid tun.

Das «wie» kann auch durch ein «wo» ersetzt werden: «Zeig mir wo du wohnst, und ich sag dir, wer du bist.» Ich meine damit jetzt nicht die verschiedenen Stadtkreise, obwohl es natürlich einen Unterschied macht, ob ich im Aussersihl, in Albisrieden, in Oerlikon oder im Seefeld zu Hause bin. Nein, ich rede von der Liegenschaft selbst. Die ist bei mir Teil einer grossen Familiensiedlung, die eine Nachbarin kürzlich leicht boshaft, aber durchaus treffend als «Chüngelistall» bezeichnete.

Könnte ich wählen, würde ich gerne anders wohnen. Der Chüngelistall aber hat Vorteile, die mir die meisten Jugendstilwohnungen nicht bieten würden: viele Spielkameraden für den Sohn, eine familiäre Atmosphäre, grosszügige Grünflächen, eine zentrale Lage und die Nähe zur Schule. Ganz abgesehen davon ist die Wohnung selbst hell, grosszügig angelegt und gut ausgestattet. Da verzeihe ich gerne, dass ich auch nach über vier Jahren noch ab und zu vor dem falschen Hauseingang stehe und vergeblich versuche, die Tür zu öffnen. Weil die Eingänge halt alle gleich aussehen.

Zudem scheine ich mich an mein Leben hier gewöhnt zu haben. Als die Hausverwaltung vor einigen Tagen informierte, dass die Fassaden im Sommer renoviert werden würden, habe ich mich mehr über die Einschränkungen auf dem Balkon geärgert als über die Verschönerung der Siedlung gefreut. Es ist beim Wohnen wohl so wie in allen anderen Bereichen, die sich durch das Elternsein verändern: Man macht Kompromisse und gewöhnt sich irgendwann daran. Als Gewohnheitstier werde ich vielleicht dereinst, wenn die Jugendstilwohnung wieder eine Alternative wäre, gar nicht weg wollen von meinem Stall.

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