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Wahlbeobachter

Meisterin des nüchternen Lächelns contra Strahlemann

Von René Scheu 29. Januar 2014 3 Kommentare

Eigentlich ist alles gesagt. Und eigentlich wissen alle: Corine Mauch ist die alte und die neue Stadtpräsidentin! Herzliche Gratulation.

Sie, die von Medienvertretern wie mir gerne als graue Maus beschrieben wird, hat es den Vielundgerneschreibern gezeigt. Ihre nüchternen Auftritte kontrastieren mit der Originalität-ist-alles-Haltung vieler Zürcher bzw. mit jener ihrer selbsternannten Fürsprecher. Unangenehme Bemerkungen lächelt sie einfach weg. Im Weglächeln hat sie eine Meisterschaft entwickelt, die ihresgleichen sucht. Selbst tiefbürgerliche Wähler sagen mir anerkennend: «Frau Mauch macht ihren Job erstaunlich gut.»

«Was macht sie denn so gut?»

«Keine Ahnung. Aber spielt das denn eine Rolle?»

Eben.

Der Herausforderer, Filippo Leutenegger, ist der geborene Strahlemann – er überstrahlt die Fragen, zu denen ihm gerade nichts einfällt, gekonnt mit Italianità. Ansonsten ist seine Message zu Zürich glasklar: «Die Stadt hat über ihre Verhältnisse gelebt. So kann es nicht weitergehen. Die Politik der Anspruchsinflation führt in den Ruin.»

Frau Mauch entgegnet: «Falsch. Wir müssen reinvestieren. Herr Leutenegger, Sie denken nicht unternehmerisch genug.»

Filippo: «Falsch. Sie haben gar kein Geld für Investitionen.»

Frau Mauch: «Sie sind ein Schwarzmaler.»

Filippo: «Sie sind eine Illusionistin.»

Ich amte ja eigentlich als Wahlbeobachter und nicht als Wahlkonsulent. Aber ich gebe es gerne zu: Ich würde mir Filippo als neuen Stapi wünschen. Die Rolle ist ihm auf den Leib geschrieben. Aber so weit wird es nicht kommen – jedenfalls noch nicht.

Ich gebärde mich nun als Wahlprognostiker: Filippo wird in den Stadtrat gewählt. Er wird innerlich frohlocken. Er wird Corine Mauch zur Wahl ins Präsidium gratulieren. Und er wird daran arbeiten, wie er sie in ein paar Jahren beerben kann – Stapi statt Pensionär, das ist in der Tat eine valable Option.

Filippo Leutenegger & Falk RichterPS. Zusammen mit Serena Jung habe ich Filippos Auftritt im Karl der Grosse beigewohnt. Hier unsere Impressionen:

Nicht viele sind an diesem Montag ins Restaurant Karl gekommen, um sich vom Stadtpräsidiumskandidaten in Schürze mit Risotto bedienen zu lassen.
Filippo sitzt um 12 Uhr noch bei einem regulären Mittagsgast zu Tisch, bevor die ersten zum «Hauptgang Wahlkampf» eintreffen.

Die Begrüssung richtet er noch an den ganzen Restaurantsaal, dann aber taucht der Gastgeber ab in die intime Runde. Er tue sich den Wahlkampf nicht an. Er habe diesen Weg eingeschlagen aus Bürgersinn, aus seinen Erfahrungen als Italienkorrespondent, aus dem Glauben an das Milizsystem – kurz: aus Verantwortungsgefühl für die Schweiz.

Wir sind gerade Mal beim Salat und der Koch kommt vor lauter Fragen und Antworten nicht zum Essen. Denn trotz der geringen Anzahl an Tischgenossen – darunter auch Filippos Cousine 2. Grades, die sich für die SP engagiert – mangelt es nicht an Fragen an den Anwärter auf das Stadtpräsidentenamt.

Es geht wie immer ums Geld, aber auch ums hochgeschossige Bauen – Stichwort: Stadtverdichtung –, ums Soziale und immer wieder um die Art und Weise, wie die Politik als Tätigkeit ausgeübt wird und werden sollte. Darum, woran es den Politikern eigentlich gelegen ist: das Mitreden. Filippo zieht mit und ist überhaupt in Hochform: nicht nur sein Risotto schmeckt wunderbar buttrig, auch seine Antworten kommen wie geschmiert.

Beim herrlich bitteren Espresso, während kurzbesuchige Hallosager das duale Gespräch suchen und die Rechnung bezahlt wird, hat sich auch zwischen den Tischgästen die direkte Frage etabliert: «Aber eine wirkliche Chance hat er eigentlich nicht, der Filippo, oder?» Ein abwinkendes Nein. Aber auch ein Strahlen.

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