Menu

Mensch am Rand der Gesellschaft, beleuchtet

In diesen Wochen veranstalte ich jeweils am Samstagmorgen um 11 Uhr im Chor des Grossmünsters eine Bildungsreihe über Erfahrungen mit und im Kirchenraum. Dieses Nachdenken geschieht aus der Sicht von Kunst, Politik, Architektur und Musik. Dabei werden illustre Gäste eingeladen, die durch Gespräche, Referate und Installationen zum Nachdenken anregen.

Am letzten Samstag war die Zürcher Künstlerin Zilla Leutenegger zu Gast. Im Chor des Kirchenraumes zeigt sie in den nächsten Wochen ihre Arbeit «Scala», eine Videoinstallation mit Treppensituation. Die Installation zeigt den Schatten einer sitzenden Frau, ohne Ton. Die Frau hebt ihren Kopf und neigt ihn, die Hände sind im Schoss, dann wieder vor dem Gesicht, sich reibend oder betend? Die Füsse heben und senken sich, ohne Anfang, ohne Ende. Scala, die androgyne, sitzende Frau, auf eine Wand projiziert, welche direkt zur 12-Boten-Kapelle hinweist.

Die Kapelle, die Kirche im Kirchenraum, wo Menschen täglich hinkommen um zu beten, zu sitzen, nichts zu tun ausser zu atmen, die Hände zu falten, sie zu reiben und so Raum und Zeit zu zerreiben. Etwas Neues entsteht, eine andere Erfahrung, eine überraschende, öffnende, bewegende Erfahrung.

«Wichtig ist mir, dass beim Betrachten der Frau keiner die Erfahrung macht, ‹öppis verpasst z’ha›», sagt Zilla Leutenegger über ihre Installation und ist überrascht, dass Menschen im Kirchenraum gerade diese Erfahrung suchen und auch finden. In diesem Raum verpasst man nie etwas, denn in die Wände sind Spuren der Ewigkeit eingeritzt. In solchen Augenblicken, wo die Ewigkeit einbricht, verpasst niemand etwas, denn alles beginnt, sich um einen zu drehen, um einen sich zu krümmen.

Eine Beobachtung möchte ich mit Ihnen teilen. Ich sass nach der Bildungsveranstaltung am Samstagnachmittag im Kirchenraum und beobachtete die Gäste. Immer geschah dasselbe:

Eine Gruppe oder Einzelne stürmen die Treppe zum Chor hinauf. Sie werden von Augusto Giacomettis Fenstern zum Lichtfall hingezogen. Dann kommen sie zu den letzten drei Stufen. Ihre Blicke werden durch die Bewegung der Videoinstallation abgelenkt, weg vom Farbenspiel des Fensters hin zu der sich geheimnisvoll bewegenden Frau auf der Wand.

Die wild durcheinander flanierenden Neugierigen werden durch das Antlitz der Frau so zentriert, dass sie einen Raum um die Videoinstallation bilden. Es entsteht immer wieder ein gekrümmter Raum um die stumme, an die Wand projizierte Frau, der sich dann wieder auflöst. Doch der gekrümmte Raum löst sich erst dann auf, wenn die Beobachtenden sich gegenseitig erzählen, was sie bewegt. Und manch einer ahmt die Bewegungen der Hände und Füsse wie auch des Hauptes nach.

Was für eine bezaubernde Wirkung! Das Anlitz eines Menschen, der an den Rand der Gesellschaft hingestellt wird, an die Wand gedrückt, nur noch ein Schatten seiner selbst, wird zum Zentrum der Flaneure und Passanten. Sie imitieren seine Situation, einfach deshalb, weil es sie reizt, nachzuspüren; weil sie den Impuls haben, nicht wegzuschauen, nicht davonzurennen, sondern das zu tun, was selbstverständlich ist: den Menschen am Rand beachten.

Die Betrachtung in der Kirche wird zur Handlung in der Stadt, die Ästhetik der Kunst wird zur Ethik der Tat, die darstellende Handlung zur wirkungsvollen Aktion. Und was beides verbindet, Kunst und Ethik, ist die geheimnisvolle Wirkung, die «Scala» zeigt. Im Raum der Stadt und der Kirche entsteht ein gekrümmter Raum, wo Menschen sich um die Menschen mit ihren gekrümmten Rücken kümmern.

Kommen Sie in diesen Tagen in den Kirchenraum, lassen Sie sich hinziehen von der Frau im Schatten, nehmen Sie sich Zeit, damit Sie nicht die Erfahrung machen müssen, «öppis z’verpasse.»

Neueste Artikel von Christoph Sigrist

Kommentieren