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Mit dem Hafenkran nach Sizilien

Beim Sechseläuten nicht zu übersehen, beim 1. Mai-Marsch nicht zu übersehen, beim Blick in den «Blick am Abend» nicht zu übersehen: Der Kran am Hafen der Limmat im Schatten des Grossmünsters.

Der Kran provoziert, das Grossmünster identifiziert; der Hafen weitet den Horizont, das Kirchenschiff gibt Sicherheit. Dieses «Altmetall», der Sinn und Unsinn von Kunst, und ob man dafür Geld ausgeben soll – all dies erhitzt die Gemüter und sorgt für Gesprächsstoff. Mir ist, der Kran am Hafen wird zum Geschichtenerzähler unserer Stadt mit besonderer Perspektive.

Wie ich das meine? Nun, ich sitze in der Bodega und diskutiere einmal mehr mit einer Zürcherin über den Kran. «Weisst Du, wenn ich unter ihm stehe, wenn ich die Dimensionen anschaue, dann erschrecke ich fast. Er ist so gross, und die Häuser rundherum sind dann so klein. Das ist ein besonderer Blick, ein faszinierender.»

Die kleine Weltstadt mit dem grossen Kran fasziniert, weil der Kran wie ein Weitwinkel-Objektiv ist, das den Blick über den Horizont weitet – von der Stadt und dem Schattenwurf des Grossmünsters hinaus in die weite Welt.

Und wenig später lande ich an Siziliens Küste in Catania. Dort entdecke ich mit den Konfirmanden und Konfirmandinnen vom Grossmünster und dem Jugendtreff die Brüder unseres Krans, nicht als Kunst, sondern fit für den alltäglichen Krampf mit den Containern der grossen Schiffe.

Am Horizont an der Küste in Richtung Afrika entdecken wir solch ein Schiff, das dem Horizont entlang wie von unsichtbarer Hand gezogen wird. «Unglaublich», sage ich zum Mann von der Waldenserkirche, der für uns das Lagerhaus in Scoglitti bereitgemacht hat. «Ja, schon unglaublich», meint er, «vor allem wenn man bedenkt, dass gestern dort draussen nicht ein grosses Schiff, sondern ein kleines Boot unterwegs war, überfüllt mit Flüchtlingen von Afrika, und 13 Personen ertranken in den Fluten. In dieser Woche sind es über 6‘000 Personen, die in Agrigent landeten.»

«Wir von den evangelischen Kirchen vermuten bis zu 40‘000 Personen, die am andern Ufer auf die Überfahrt warten. Wir sind überfordert, doch wir helfen einfach, wenn sie da sind. Denn jeder Mensch hat Anrecht auf Obdach, Bett und Brot. Der christliche Glaube gibt mir die Kraft, die Ohnmacht auszuhalten, und ich helfe dort, wo ich oder wir von der Gemeinde betroffen sind.» Er wendet sich ab und sucht den Schlüssel, mit dem er die Gitter vor den Fenstern schliessen kann, um das Lagerhaus vor dem täglich drohenden Einbruch zu schützen.

Faszinierend: so hat mich der Kran an der Limmat in die Höhe gehoben und an der Küste Siziliens heruntergelassen. Faszinierend und erschreckend zugleich. Denn so klein auch die Häuser an der Limmat aus der Perspektive des Kranes aussehen, so nah sind die Flüchtlingsboote plötzlich an den Gestaden von Zürich.

Es schadet ja nicht, sich beim Nachdenken im Schatten des Grossmünsters für einen Augenblick an die Limmat zu setzen. Denn im Zeitalter von «anything goes» ist es auch erlaubt, dieses – eigtl. weihnächtliche – Lied jetzt anzustimmen:

«Es kommt ein Schiff. geladen […] Das Schiff geht still im Triebe, es trägt eine teure Last; das Segel ist die Liebe, der Heilige Geist der Mast.» (Evangelisch-reformiertes Gesangbuch, Nummer 360).

Übrigens, am Samstag steigt die offizielle Eröffnung des Kranes an der Limmat, vielleicht sehen wir uns da.

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