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More is more is more is more is …

Von Felix Ghezzi 28. April 2014 Keine Kommentare

Felix_Ghezzi_More_is_More_is_2_«More is more is more is more is …» so titelt auf der Frontseite die Rote-Fabrik-Zeitung Nr. 300 vom April/Mai 2014* und befasst sich mit der gegenwärtigen Entsolidarisierung in der Gesellschaft – einer der Auswirkungen des Neoliberalismus. Sie ist seit längerem im Gang, und die gesunden, roten Früchte der Werbe-Etats und der Dauerpropagierung der Eigenverantwortung und der Selbstverschuldung der gescheiterten Sozialhilfebezüger bzw. Migranten können nun endlich von den Verantwortlichen im grossen Stil eingesammelt werden.

«Mehr» scheint mir tatsächlich eine sich dauernd vermehrende Tatsache zu sein. Und dies in verschiedenen Richtungen und auf verschiedenen Ebenen:

«More ist more»: Gegen eine Lohnerhöhung hat niemand etwas. Leider sind die meisten Arbeitenden momentan jedoch durch die zur Normalität gewordene Dauerkrise so verunsichert, dass sie sich zur Erhaltung des Jobs gezwungen sehen, kein höheres Gehalt einzufordern. Das könnte ein Tropfen auf den heissen Bürostuhl sein. Aber wenn jemand mehr verdienen sollte, dann ich.

«More for less»: Nach getaner Arbeit steht man erschöpft im Supermarkt. Man hat sich die Erdbeeren verdient, und CHF 2.95 für ein halbes Kilo aus Italien ist sozusagen ein Ausgleich für die fehlende Gehaltserhöhung. Ärgerlich nur, dass die Erdbeeren nicht nur keinen, sondern sogar einen schalen Geschmack hinterlassen – und die Frage, ob der Pflücker sich die Früchte auch selbst leisten kann.

Für den gelungenen Abend braucht’s jetzt nur noch eine Serie. 647 Minuten «House of Cards» für läppische CHF 31.90. Da kann man für einmal auch auf den illegalen Gratisdownload im Internet verzichten und muss kein schlechtes Gewissen haben – ausserdem: Die Produzenten haben sowieso schon Millionen damit verdient. Aber das nächste Mal bestellt man sich eine DVD lieber via Amazon. Da muss man das abgelöschte Gesicht der Verkäuferin nicht ansehen. Soll sie doch eine Weiterbildung machen, wenn sie 4000 Franken verdienen will.

«Get less for doing more»: Die meisten malochen also immer mehr und verdienen immer weniger. Die unsicheren Zeiten führen schliesslich dazu, die Selbstoptimierung bis zur Erschöpfung voranzutreiben, Überstunden zu produzieren und in der freien Zeit Netzwerke zu pflegen und Weiterbildungen zu sammeln. Und siehe da: Es funktioniert ja auch mit der Hälfte der Mitarbeitenden, selbst wenn der eine oder die andere in letzter Zeit etwas öfter krankheitshalber ausfällt.

«Whoever said less is more, never had more»: Dass sich Geld exponentiell vervielfacht, wenn man es richtig anlegt, ist bekannt. Wie man immer mehr politische Macht erlangt, zeigt uns der skrupellose, machtgierige Kongressabgeordnete Francis «Frank» Underwood (Kevin Spacey) in «House of Cards». Hat man das Vertrauen in die Geldelite schon lange verloren und noch einen Funken Vertrauen in die Politik, so bleibt nach wenigen Folgen nur noch die Hoffnung übrig, dass die intrigante Energie von Politikern in der Serie masslos übertrieben wird.

Wer mehr über die Folgen des Neoliberalismus, die Mechanismen der Entsolidarisierung, aber auch über gegenläufige Tendenzen lesen möchte, der greife zum Beispiel zur Fabrikzeitung. Wer eine Lektion in strategischer Hinsicht lernen möchte, sehe sich in der ersten Staffel von «House of Cards» unter anderem die Folge 6 an: Underwood provoziert seinen Gegner Marty Spinella von der Bildungsgewerkschaft so lange mit Intrigen und schliesslich mit Worten, dass dieser plötzlich nicht mehr länger die Faust im Sack macht, sondern zuschlägt. Der Gegner ist nun dort, wo ihn der Kongressabgeordnete haben wollte: Sein Opfer wurde zum Täter und kann bei Bedarf für die eigenen Ideen als Beweis missbraucht werden.

Man kann nur hoffen, dass es im grösseren Zusammenhang nicht soweit kommt, dass vermehrt ein Verantwortungsbewusstsein über sich selbst und die Landesgrenzen hinaus entsteht und dadurch verhindert werden kann, dass die Opfer demnächst mit der Axt auf den Stamm des Apfelbaums einschlagen werden.

*Die «Fabrikzeitung» liegt jeweils gratis in der Roten Fabrik und in diversen Cafés und kulturellen Orten Zürichs auf. Sie kann abonniert werden oder ist, sobald eine neue Ausgabe erschienen ist, auch als PDF im Archiv der Fabrikzeitung zum Download bereit.

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