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Museumsbesuchs­zwang für alle!

Von Felix Ghezzi 30. September 2013 6 Kommentare

Ich muss Ihnen hoffentlich nicht erklären, dass man in Zürich ausgezeichnete Kunst geniessen kann. Vor allem auch zeitgenössische. Besonders grossartig finde ich das Löwenbräu-Areal. In einem Nachmittag geht man hoch und runter, hat Galerien wie Museen gleichermassen besucht und danach das Gefühl, man ist auf dem Laufenden was Kunst betrifft – auch wenn man manchmal nichts verstanden hat.

Ich gebe es zu: Es kommt dabei oft vor, dass ich ratlos in einer Ausstellung stehe und mir die Werke ein unlösbares Rätsel sind. Wenn Sie die Diskussion «Was ist Kunst» besonders intensiv führen möchten, dann empfehle ich Ihnen den Besuch der Kunsthalle Zürich. Sie eignet sich bestens, um Menschen, für die Kunst von Können kommt, an ihre Grenzen zu bringen. Ich habe beobachtet, wie ein Grüppchen österreichischer Touristen nach drei Minuten wieder aus der aktuellen Ausstellung des amerikanischen Künstlers Wade Guyton draussen war. Ihre zusammengezogenen Augenbrauen und der Austausch von Blicken waren leicht zu interpretieren.

Im unteren Stock der Ausstellung sind 15 dreieinhalb Meter lange Tischvitrinen zu sehen. Auf gelbem Untergrund liegen einige wenige Buchseiten, die unter anderem aus Kunstbüchern herausgerissen wurden. Wade Guyton hat sie wiederum mit Ausschnitten aus Websites der New York Times, Wikipedia, Sadomaso-Sites etc. überdruckt, sodass die Texte und Bilder sich mal ergänzen, oft aber auch einfach in die Quere kommen. Der Zufall spielt für den Künstler eine grosse Rolle. Der Satz «Das kann doch jeder» liegt bei diesen Werken spürbar in der Luft.

Die Ausstellung in der Kunsthalle werde ich bald vergessen haben, wie die meisten anderen Museums- und Galeriebesuche auch, selbst wenn das Infoblatt Erhellendes über Guytons Arbeiten zu erzählen weiss. Und trotzdem zieht mich die zeitgenössische Kunst immer wieder magnetisch an. Nebst überwältigenden Momenten, die ich schon beim Anblick von Kunstwerken erleben durfte, ist es die Aura der Kunst selbst, das Geheimnisvolle, Mehrdeutige, (scheinbar?) Sinnlose, das mich in den Bann zieht. Aber noch viel wichtiger: Vieles könnte vielleicht jeder, aber tun nur wenige.

Es ist die Furchtlosigkeit, der Mut, das Selbstbewusstsein, die Zielstrebigkeit, die Unbeugsamkeit, die Standhaftigkeit und das Durchsetzungsvermögen der Künstlerinnen und Künstler, die mich fasziniert. Obwohl 98 Prozent der Bevölkerung nur schulterzuckend und fassungslos vor ihren Werken stehen, gehen die Kunstschaffenden unbeirrt ihren Weg, lassen sich nicht aus dem Konzept bringen, glauben an ihr Werk; dass es, wenn nicht jetzt, in Zukunft verstanden wird.

Unter diesem Aspekt betrachtet, könnten und müssten Künstlerinnen und Künstler Vorbilder sein. Und in diesem Sinn, dass jeder an sich und seine Ideen glauben soll und versuchen muss, diese durchzusetzen, fordere ich in Zürich die Einführung von obligatorischen Museums- und Galeriebesuchen für alle. In der Folge wird bestimmt einiger Mist produziert werden. Aber ich bin auch überzeugt, es würden viele gewagte und neue Ideen entwickelt werden, und Zürich dürfte ein gewaltiger Innovationsschub bevorstehen.

6 Kommentare

  • […] Beitrag von Felix Ghezzi trägt den Titel «Museumsbesuchszwang für alle!»; und Sabine Gysi weiss im Gegenzug, dass ich es an der Zeit finde, zugunsten der Kunstvermittlung […]

  • […] mein letzter Blogeintrag «Museumsbesuchszwang für alle!» aufgeschaltet wurde, war ich auf dem Weg nach Venedig. Ich wollte mir die Kunstbiennale nicht […]

  • […] Viele Menschen haben ein Vorbild (vor einigen Jahrzehnten lag Mahatma Gandhi hoch im Kurs, heute Steve Jobs). Seit meine Fussballträume früh auf der Ersatzbank sitzen blieben, hat es keine Person mehr gegeben, der ich nacheifere. Es gibt jedoch wahrscheinlich neben Roman Singer keine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, die resp. deren Arbeit mir seit so langer Zeit zuverlässig immer wieder begegnet ist, und die mich immer wieder verblüfft und zum Schmunzeln gebracht hat. Seine Kunst war, so abgedroschen es in diesem Zusammenhang tönt, eine Initialzündung für mein Kunstverständnis: Mein Vor-Bild für «Das ist also auch Kunst.» […]

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  • […] > weiter im Text geht es in meinem Blog für «Karl der Grosse» […]

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