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Muslimisches Bier

Von Christoph Sigrist 4. November 2014 Keine Kommentare

Es gehört zu den schönsten Seiten meines Berufes, durch die Gassen unseres «Dorfes» zu ziehen und an den Türen zu klingeln. Dieses Alltagsgeschäft führt mich zu Menschen mit ihren Sorgen und Nöten, zu versteckter Armut und sichtbarem Reichtum und eröffnet einen Blick hinter die Fassade unserer Stadt. In jeder dieser Begegnungen verdichtet sich die Geschichte von Zürich.

«Herr Pfarrer, Sie suchen jemanden? Sie sind doch der Pfarrer?» Die Goldschmiedin von nebenan äugt um die Ecke. Sie hält gerade einen Schwatz mit jemandem hinter der Tür. Ein waches Gesicht taucht aus dem Schneidergeschäft auf. «Ah, Sie sind Pfarrer? Kommen Sie, ich habe Bier, wir trinken miteinander.» Schon stehe ich zwischen Stangen und Bügelbrett, Nähmaschinen und Stoff. «Ibrahim1 heisse ich, kommen Sie.» Er weist auf ein kleines Tischchen und verschwindet hinter einer Wand, um mit zwei kühlen Bier in der Hand sich ebenfalls zu setzen.

Schneider, Goldschmiedin und Pfarrer treffen sich und kommen in ein Geschäft seltsamer Art. «Ibrahim, ich möchte nicht so viel Bier. Darf ich ein Glas haben?» «Kein Problem!» Ibrahim steht auf, geht zur grossartigen Weltkugel in der Ecke, öffnet die Halbkugel. Ich sehe Gläser aller Art drinnen aufgestellt. «Mein Lager», meint er verlegen und schenkt mir liebevoll das Bier ein, «mit viel Schaum, das ist wichtig».

«Wissen Sie, ich bin Muslim, und schön, dass Sie als Pfarrer bei mir sind.» «Ja, und er trinkt auch Alkohol», merkt die mit Gold kundige Geschäftsfrau an. «Kein Problem für mich,» entgegnet Ibrahim. «Im Koran steht nicht, dass man kein Bier trinken soll. Es steht einfach, dass es gefährlich wird mit zu viel Alkohol, weil man dann dummes Zeug redet. Doch wegen einem Glas mit viel Schaum ist das nicht so, oder? Prost!»

«Schauen Sie, ich bin Muslim. Die da in Syrien und im Nordirak sind keine Muslime. Das sind Terroristen! Denn es steht doch im Koran, dass man keine Menschen töten soll. Gott hat ja alle Menschen geschaffen. Das steht auch in der Bibel, oder?»

So entsteht mitten im Alltagsstoff unserer Stadt ein Lehrgespräch zwischen den Religionen, das noch jeden Professor, jede Professorin für Religionswissenschaft oder Theologie zum Staunen bringen würde. Die aus der Praxis geborene Theorie meines muslimischen Gastgebers lehrt mich, den Theologen, dass die Kompetenz, durch die Auslegung der heiligen Schriften den Alltag zu deuten, sich nicht nur hinter den Fassanden der Universität verbirgt, sondern sich täglich in den Häusern und Gassen unserer Stadt ereignet.

Mein Schneider ist schon seit 1977 in der Schweiz, repariert die Kleider der Reichen und Armen, Christen und Muslimen, Atheisten und Glaubenden.

Ich stehe auf und möchte mich verabschieden, bedanke mich für das Gespräch und das Bier und den Einblick in eine der spannendsten Weltkugeln unserer Stadt. Unter der Tür stehen wir noch länger. «Bitte, Christoph, bete für mich, es wird immer schwieriger.» «Natürlich bete ich für Dich; doch auch Du, bete für mich!» «Christoph, das mache ich, Inshallah!» Und Ibrahim hebt die Augen zum Himmel, zusammen mit den Armen, in einer Hand das Bier!

Zur Lehre zwischen den Religionen gesellt sich also die interreligiöse Seelsorge eines muslimischen Schneiders für den Grossmünsterpfarrer. Es lohnt sich, bisweilen nicht durch die Strassen zu rennen, sondern stehenzubleiben, zu hören, einzutreten, die Kugel zu öffnen. Glauben Sie mir, eine Welt tut sich auf, und es geschieht, dass sich Gott und Mensch begegnen, unverhofft und flüchtig, und doch so nachhaltig und hoffnungsvoll.

 

1Name geändert.

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