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O du fröhliche Konzeptitis

Von Felix Ghezzi 25. November 2013 Keine Kommentare

Gehören Sie auch zu den Menschen, die aus unerfindlichen Gründen jedes Jahr von neuem fasziniert sind vom Swarovski-Weihnachtsbaum im Hauptbahnhof? Es ist wieder so weit: Der Baum – von dem man eigentlich nicht viel sieht – steht bis am 24. Dezember im Herzen der grossen Halle und verkündet uns, wie glamourös das Shoppingleben sein kann. Er ist so «over the top», dass er irgendwie was Bezauberndes hat und all die Bretterbuden rundherum alt aussehen lässt.

Bisher habe ich diesen «überdimensionierten Ohrring» immer nur von weitem betrachtet und bin den Verkaufshäuschen aus dem Weg gegangen. Dieses Jahr habe ich mich am Eröffnungstag ins Getümmel gewagt. Wie sehr die Menschen von dem Baum angetan sind, haben mir all die posierenden Frauen und Männer bestätigt, die auf einem Foto mit ihm verewigt werden wollten. Gewisse Leute scheinen zudem die Platzierung der Attraktion ganz genau zu beobachten. So hörte ich, wie eine Frau zu ihrem Gatten sagte: «Du Schatz, isch dä letscht Jahr nöd meh rächts gschtande?» – «Doch, ich glaub.»

Apropos Beobachten: Sollten Sie auf den Weihnachtsmärkten in Zürich Deutsche sehen, die auffallend pingelig die Qualität der Standwaren und Häuschen begutachten, so könnten diese aus einem deutschen Expertenteam stammen, das im Auftrag der Stadt Zürich die Qualität der Weihnachtsmärkte überprüft. Nürnberg, Frankfurt und Salzburg sind die Vorbilder. Zürich sieht vor allem im neuen Sechseläutenplatz einen Goldesel. Und da braucht es natürlich, wen wundert’s, gemäss Anna Schindler, Direktorin für Stadtentwicklung, für all die Weihnachtsmärkte eine Strategie, ein Konzept, einen roten Faden.

Da kann man nur hoffen, dass dieser nicht wie am Christkindlimarkt im HB darin besteht, dass Swarovski, Marinello, Asiaspa GmbH, Vespa, das Gwürzhüsli Bizzarro, der Gummienten-, der «Rosige Geschenke duften nach Liebe»- und der «Duft-Elfe»-Stand etc. alle in das gleiche, normierte Häuschen mit dem schneeweissen Plastik auf dem Dach gequetscht werden.

Unter die Lupe nehmen müssten die deutschen Überprüfer unbedingt auch die gratis-App («Unser Geschenk an Sie: Die Christkindli-App!»), die man extra zum 20-Jahre-Jubiläum entwickeln liess. Am Tag der Eröffnung meldet sie unter News fröhlich: «Countdown zum Christkindlimarkt! Nächste Woche ist es soweit!» In der Agenda verkündete sie gar, dass bereits am 24.11.2013 16:00 Uhr das Ende des Marktes sei. Es wird mir also einen Monat zu früh «Fröhliche Weihnachten und bis nächstes Jahr!» gewünscht.

Ich persönlich finde das nicht tragisch, bin ich mir doch sicher, dass ich nächstes Jahr ohne neues Konzept nicht wieder durch den Markt streifen werde. Der Christbaum wird auch dann bestimmt wieder über alles hinausragen, und beim Gang zum Perron wird mir ein kurzer Blick darauf vollkommen ausreichen.

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