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Punktlandung um Mitternacht

In den vergangenen Wochen gab es zwei Nächte, die anders sind als alle anderen 363 Nächte des Jahres. Eine davon ist die Heilige Nacht, die andere die Silvesternacht.

Ich wette, dass auch Sie trotz Jubel und Trubel punkt zwölf Uhr nachts das Fenster öffneten oder mitten auf der Quaibrücke standen, um das Zifferblatt unseres St. Peter zu erspähen. Um nichts anderes zu tun als sehnlichst zu warten, zu lauschen, gespannt, zippelig und zappelig von der Uhr am Arm zur Uhr an der Kirche zur Uhr bei anderen zu äugen, noch 10 Sekunden, 5,4,3,2,1…. Und da, auf den Punkt genau schlägt die Uhr am Turm den ersten Schlag – die Spannung löst sich, das Warten verwandelt sich in Erfüllung, dem Starren auf die Uhr folgt die Umarmung und das Schauen ins Gesicht.

Es gibt keinen Moment im Jahr, der so dicht in einem Augenblick auf den Punkt bringt, was Kirchen mit ihren Türmen seit Jahrhunderten in unsere Stadtseele zeichnen und durchs Ohr bis ins Innerste jede Stunde erklingen lassen: Du lebst zwischen den Zeiten, zwischen Erwartung und Ankommen, Verheissung und Erfüllung, Vergehen und Werden, noch nicht und doch schon. In diesem Horizont verrinnt Dein Leben – doch es gibt sie, die einzigen und einzigartigen Augenblicke, wo die Ewigkeit in die Vergänglichkeit einbricht. So auch die Silvesternacht: mit einem Schlag, Punktlandung mitten in der Nacht, zwischen den Jahren, zwischen den Zeiten, nicht fassbar und doch monatelang ersehnt, unendlich beglückend und doch sogleich vergangen.

Was mein Leben war, ist und wird, landet punktgenau um 24.00 in der Silvesternacht mitten in mir. Was unser Stadtleben war, ist und wird, verdichtet sich in diesen 12 Schlägen, indem Erinnerungen, Wahrnehmungen und Erwartungen ineinanderfliessen zum nur in diesem Augenblick sich einstellenden Gefühl, kaum zu beschreiben und doch allen zugänglich.

Punktlandung – das strahlt für mich die Silvesternacht ins neue Jahr hinaus. Mancher Vorsatz landet haarscharf neben dem Punkt, viele letztjährige Erfahrungen legen ihren Finger auf den wunden Punkt im nur mit dem Allerbesten angewünschten Jahr. Doch es bleibt dabei, die Wahrheit liegt darin, auf den Punkt zu bringen, was immer schon wahr ist.

Dazu zwei persönliche Notizen: Am Heiligabend bekam ich Martin Werlens Büchlein #Bahngleichnis geschenkt – es enthält seine auf Zugfahrten geschriebenen Twitterbotschaften. Seite 93: «Manchmal erreicht man ein Ziel dank einer Umfahrung.» Punkt. – Landung 1.

Und: Am Neujahrsmorgen wünschte ich meinem Schwiegervater das neue Jahr an. «Ja, danke Dir, ich bin um 21 Uhr ins Bett gegangen. Habe wunderbar geschlafen. Silvesternacht ist ja nur kalendarisch besonders, ist wie jede Nacht. Glücklich, wer gut schläft.» Punkt. – Landung 2.

Ich wünsche Ihnen nicht keine Umfahrungen, auch nicht keine haarscharf daneben gesetzten Sätze und Vorsätze, doch dass Sie dann und wann eines Ihrer vielen Ziele punktgenau in diesem Jahr treffen. E guets Nöis.

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