Menu

Qamischli, gleich um die Ecke vom Volkshaus Zürich

Von Christoph Sigrist 13. Dezember 2014 1 Kommentar

Ich möchte heute Negems Stimme Gehör verschaffen. Ich traf sie am vergangenen Sonntag im Volkshaus im «Chreis Cheib», beim Gottesdienst der methodistischen Kirchgemeinde. Beim Abendmahl kam Negem zu mir und verlangte zwei zusätzliche Brotstücke: «Für meine Töchter.» Nach dem Gottesdienst suchte sie mich und begann zu erzählen. Einem Schwall gleich flossen Satz für Satz zu einem unheimlichen und berührenden Bild.

Ihre Verwandtschaft – drei Brüder und zwei Schwestern mit Familien sowie eine Tante – lebt in einem Haus in Qamischli, 200 km vom Irak entfernt an der syrisch-türkischen Grenze. Sie sind Christen, die Aramäisch sprechen: «Dieselbe Sprache wie unser Herr.» Negem selbst ist vor 25 Jahren wegen ihrem damaligen Mann in die Schweiz gekommen. Sie hat an der Universität in Aleppo französische Literatur studiert und hat in den letzten drei Jahren von ihrem Ersparten gelebt. Zur Zeit bewirbt sie sich um eine Stelle als Pflegerin in einem Heim. Sie zeigt stolz die ID: «Ich bin Schweizerin!»

«Meine Brüder kämpfen schon seit drei Jahren in der kleinen Stadt ums Überleben. Sie haben neben dem Haus einen kleinen Lebensmittelladen. Sie kauften vor zwei Jahren Öl für ihre Heizung ein. Nun wird es knapp; sie besitzen fast kein Öl mehr zum Heizen. Sie frieren. Um die Stadt haben die Kurden einen Gürtel gezogen und beschützen uns aramäische Christen. Doch es wird eng. Die Isis droht seit Wochen, dass sie die Stadt einnehmen und alle Christen töten will. Das sind keine Gläubige mehr, sondern einfach Terroristen.»

«Was kannst Du tun?» frage ich sie. «Ich bete jeden Tag. Ich bete, dass Gott eine Mauer aus Feuer um die Stadt zieht, damit die Bewohner geschützt sind, gleich welcher Religion. Und wenn diese Mauer bricht, dann bete ich, dass meine Geschwister erkennen, wann es der Wille Gottes ist, dass sie fliehen. Wenn ich Arbeit bekomme, dann kann ich alle zu mir nehmen, auch mit einem Touristenvisum. Ich habe eine kleine Wohnung, doch irgendwie geht das dann schon. Ich kenne viele Freunde und Bekannte aus Syrien, die haben ihre Verwandtschaft schon bei sich und wohnen im Moment in unglaublich engen Verhältnissen.»

«Fliehen ist fürchterlich. Ich hoffe, dass sie wieder Öl bekommen, und dass sie nicht fliehen müssen. Doch wenn es so ist, dann glaube ich, dass Gott sie mit seinem Engel begleitet.»

Negem umarmt mich. Tränen benetzen meinen Sonntagsanzug. Es ist, als würden für einen Augenblick ihr Leben und mein Leben zur Schicksalsgemeinschaft ineinander fliessen.

Und was kann ich tun?
Wenn die stummen Stimmen Gehör bekommen, dann wird es sehr schwer, der Frage auszuweichen: «Syrien – was kann ich tun?»

Unter diesem Motto veranstalten fünf Kirchgemeinden und Pfarreien in diesen Tagen vor Kirchen und auf Bahnhofplätzen eine Sensibilisierungskampagne für die humanitäre Katastrophe, die Millionen von Menschen aus Syrien betrifft. Sie fliehen oder harren aus. Wir von den Kirchen setzen uns ein für die stummen Stimmen unserer Zeit und wollen ihnen Gehör verschaffen.

Alles darüber hier: www.syrien.was-kann-ich-tun.ch und www.solinetz-zh.ch.

Besuchen Sie auch den Stand vor dem Grossmünster (noch am Samstagnachmittag, 13. Dezember 2014), beim Offenen St. Jakob, in Höngg, im Industriequartier oder in Altstetten.

Es gibt viel zu tun, packen wir es «i Gott’s Name» an.

Themen:
Neueste Artikel von Christoph Sigrist

1 Kommentar

  • Hans Wenk

    … so spricht ein wahrer Zwinglianer!

Kommentieren