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Reliquien unserer Stadt

Von Christoph Sigrist 5. Februar 2015 Keine Kommentare

Eine Schraube vom HafenkranDer Hafenkran an der Limmat ist Geschichte. Was nun?

Die rostigen Schrauben, die beim Abbruch herumflogen, wurden liebevoll aufgehoben und liegen nun da und dort als Reliquien auf dem Hausaltar in der Stube. Sie sind zu Reliquien der Stadt geworden (s. auch NZZ-Artikel von Urs Bühler).

Nicht nur wenn bei uns Schrauben locker sind, greift die Seele nach rostigen Metallen und durchlöcherten Blechen, die – zurückgelassen – Türen symbolisieren, die in neue Räume führen.

Unsere Stadtseele hat ein besonderes Gespür für Reliquien. Felix und Regula waren gleich neben der Statue von Karl dem Grossen im Grossmünster begraben. Ihre Reliquien werden bis heute in der Stadt verehrt. Und im Kirchenraum gab es vor der Reformation einen Altar unter der Kanzel, wo nach beglaubigten Dokumenten der Daumen vom heiligen grossen Karl verehrt wurde, der dem Restaurant nebenan den Namen gab.

Reliquien verehrt man, man betet sie nicht an, lehren die Katholiken mich, den Reformierten. Und wir Reformierten wissen aus unserer Geschichte mit Huldrych Zwingli und dem leergefegten Kirchenraum, wie schnell Reliquien korrumpieren, also die Seele verderben können. Reliquien verderben, weil man dem falschen Glauben anhängt, man habe etwas in der Hand, das schlichtweg unverfügbar ist und sich den menschlichen Handlungsspielräumen entzieht. Das Heilige lässt sich nicht begreifen. Und doch wünscht man sich nichts sehnlicher, als dass genau dies möglich wäre.

Die Gretchenfrage nach dem Abbruch des Hafenkrans: Wie hältst Du es mit den Reliquien unserer Stadt? Möchtest Du die Reliquie enträtseln oder zieht Dich ihr Geheimnis in den Bann? Erinnern die Altmetall-Teile an ein umstrittenes Kunstwerk oder stehen sie für eine Stimmung, eine Atmosphäre, ja, einen Kern, den unsere Stadt zu einer bestimmten Zeit ausmachte?

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