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Seines eigenen Unglückes Schmied?

Gespräch im Karli an einem Freitagmorgen früh. Eine Gruppe junger Erwachsener diskutiert über Gott und die Welt. Ich bin in ein Zweiergespräch vertieft, werde aber abgelenkt. «Du, heute Morgen war wieder alles blockiert vor Zürich. Stau vor dem Gubrist, vor dem Schöneich-Tunnel, vor Winterthur und auf der Strecke Eglisau-Bülach». «Ach, hör auf», macht ein anderer, «das wird jeden Tag im Radio gebetet. Die sind alle selber schuld, könnten ja mit den ÖV kommen oder näher beim Arbeitsort wohnen.»

Ich sinniere darüber nach, denn auf das Beten verstehe ich mich ein bisschen, genauso wie die Welt sich auf den Vorwurf «selber schuld!» versteht. Stundenlanger Stau über die Festtage – selber schuld, wenn sie ein Haus in Italien haben. Seit Monaten ohne Stelle – das kommt davon, wenn man so faul ist. Schwer erkrankt – selber schuld angesichts von zwei Päckchen Zigaretten, die er täglich raucht. Griechenland – selber schuld, die haben nicht arbeiten gelernt.

Die Welt, allzu gerne lehnt sie alle Verantwortung ab: Mich trifft keine Schuld, ich wusste nichts, ich habe nichts getan, ich bin für nichts zuständig, ich verhalte mich stets korrekt. Ist nicht jeder seines eigenen Glückes Schmied? So muss wohl auch jeder an seinem Unglück schuld sein.

So denkt die Welt am Stammtisch drinnen im Café und ist so fein raus; raus aus der Verantwortung und raus aus der Schuld.

Das Gebet, täglich im Grossmünster hörbar, redet auch von Schuld. Doch da leuchtet eine andere Wahrheit auf. Sigmar Polke führt uns auf eine andere Spur mit dem sogenannten Sündenbock-Fenster. Kennen Sie es? Beim Eingang des Grossmünsters gehen Sie nach links und dann ist es das erste. Darin eingezeichnet ist die alte Erfahrung aus der jüdischen Tradition, dass ein Widder die Schuld des Volkes trägt. Diese göttliche Wahrheit geht tief und lässt die Welt nicht draussen, sondern zieht sie mitten hinein. «Unsre Krankheit trug er, unsre Schuld, unsre Schmerzen lud er auf sich.» (Jesajabuch, Kapitel 53) So malten die Propheten das Bild dieses Knechtes im Auftrag Gottes.

Da leidet einer, und es ist nicht seine Geschichte, die er zu tragen hat. Es ist unsere Geschichte. Ich bin mitten drin.

So fremd ist dieser Gedanke ja nicht. Erschreckend: Der Igel am Strassenrand – er trägt unsere Krankheit, der Gletscher, der schmilzt – er trägt unsere Krankheit, das Boot voller Flüchtlinge vor Lampedusa – es trägt unseren Schmerz. Der Igel, der Gletscher, die Flüchtlinge, der Widder, der unsere Schuld trägt. Und das hat die Welt gelernt: Der Sündenbock, entweder wird er geschlachtet, oder man jagt ihn in die Wüste.

Diese Wahrheit schmerzt. Es schmerzt, wenn ich an meine eigene Schuld erinnert werde. Muss ich denn für alles und immer schuldig sein? Es gibt Menschen, die trotz Ferienzeit und Osterhasensuche sich so verantwortlich fühlen für alles Leiden in der Welt, dass sie daran vollends zerbrechen.

Die Erinnerung an unsere Schuld kann nicht die ganze Wahrheit sein. Im Schatten von Karfreitag steht es gut an, den gleichen Satz noch anders zu hören. «Er trug unsere Krankheit.» Da leidet einer und trägt es ohne Vorwurf. Er trägt es so, dass ich entlastet atmen kann. Nicht schuldlos stehe ich da, aber von der Schuld gelöst, weil einer auf sich lädt, was alle tragen müssen.

Kirchen mit ihren Türmen sind Zeigfinger dieser anderen Wahrheit. Und erstaunlich ist es ja nicht, dass dieses Bild des einen, der für uns die Schuld trägt, seit Jahrtausenden auf den übertrugen wurde, der an Karfreitag in Jerusalem gekreuzigt wurde.

Wenn ungefähr 1000 Menschen an Karfreitag schweigend von der Augustinerkirche durch die Strassen und Gassen Zürichs mit dem Kreuz gehen, ist das nicht schlechte Folklore oder religiöse Massendemonstration, sondern ein laufendes Nachdenken über dieses göttliche Geheimnis: Liebe trägt Lasten, nicht vorwurfsvoll, sondern weil sie entlasten will. «Bist selber schuld!» «Das kommt davon!» Das kann ich in der Tat nicht sagen, wenn ich liebe. Das gilt für uns Menschen, das gilt auch für Gott.

Es lohnt sich, in diesen Tagen vermehrt ins Grossmünster zu gehen. Bleiben Sie vor dem Sündenbock-Fenster stehen – viel vernünftiger, als im Stau zu stehen.

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