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Karl, die Mehrheit

Sie, die Engagierten

Gerade mal 17 Prozent der 18-29-Jährigen sind abstimmen gegangen – sagte uns zumindest die Vox-Analyse nach der Abstimmung vom 9. Februar. Und alle haben die Aussage bereitwillig aufgenommen. Die Analyse lieferte guten Stoff für intuitive Kommentare, für Aburteilungen, für Handlungs-Imperative, für eingängige Schlagzeilen. Auch ich titelte am Tag danach: «Wenn eine ganze Generation fernbleibt». Die Jungen sind stimmfaul und die ewige Kritik an der kommenden Generation ist somit legitimiert. Was zu beweisen war, wurde bewiesen.

Blöd nur, dass das alles nicht ganz stimmte.

Die Beteiligung war wohl höher, gestand man sich danach ein. Und die Stimmbeteiligung der Jüngeren ist seit Jahren einigermassen konstant. Doch das geht bis zum nächsten Mal wieder vergessen: Die politikfaulen Jugendlichen sind eine zuverlässige narrative Konstante der letzten Jahrzehnte. So ist das SRF-Projekt «Ich, die Mehrheit» beseelt von der Idee, den Jungen die Demokratie näher zu bringen – und zeigt uns dabei eigentlich vor allem, wie Demokratie eben gerade NICHT verstanden werden sollte. Es darf nicht nur um die Mehrheit gehen. Und selbst Marcel Bührig sprach in seinem Blogbeitrag von Demokratie-Verweigerern.

Das Problem dabei ist die Perspektive. Sie wird der jungen Generation nicht gerecht. Denn das politische Engagement und Interesse nur anhand Stimmbeteiligungen oder Parlamenten erklären zu wollen ist etwa so, wie wenn die Tanz-Affinität der Jugend anhand ihrer Teilnahme am Wiener Opernball analysiert würde. Es gibt andere Wege, sich politisch einzubringen. Und es gibt genügend Junge, die dies tun.

Verstaubte ideologische Parteischranken, statische Politstrukturen, zermürbende Parlamentsdebatten sind nicht für alle etwas. Und diese Generation nimmt sich die Freiheit zu schauen, wie sie aktiv sein will.

Perspektivenwechsel: Ich bin gerade von einem Wochenende aus dem Tal des Absinths nach Hause gekommen. Zwei Tage lang haben dort junge Menschen die Köpfe zusammengesteckt, um über kommende Herausforderungen in der Schweizer Aussenpolitik zu diskutieren. Gleichzeitig feierte in Luzern «Verona 3000», ein Musical über gesellschaftliche Herausforderungen und das Bild der Jugend, Premiere: Über zwei Jahre haben hundert 15-25-Jährige daran gearbeitet. Im November werden über 200 Jugendliche an der Jugendsession im Bundeshaus über Themen wie die Gleichstellung der Geschlechter diskutieren. Weitere Beispiele gibt es zur Genüge: Die Jungparteien erhalten immer mehr Zulauf; junge Journalisten organisieren sich; junge Magazine machen Abstimmungsdebatten, kreative Webköpfe stampften die Aktion ohnedich.ch aus dem Boden; politnetz.ch ist aus der politischen Debatte nicht mehr wegzudenken; und es gibt noch sehr viel mehr.

Natürlich ist das ein Bubble. Klar gibt es viele Uninteressierte. Dennoch zeigt sich hier ein politisches Interesse in der Zivilgesellschaft. Vor allem seit der letzten Abstimmung wird die Tendenz verstärkt: Die jüngere Generation wird aktiv; im Alltag wird über Politik diskutiert. Und ja, vielleicht ist ein «Like» auf Facebook noch kein Ausdruck der Partizipation. Aber es ist ein Zeichen, dass politische Themen auch bei Jungen im Blickfeld ihrer sozialen Interaktionen sind.

Muss nun die junge Generation lernen, was Demokratie ist? Muss sie gar zur politischen Mitverantwortung erzogen werden? Nein. Vielmehr sollte sich die Demokratie auf die junge Generation einlassen können – und ihr gerecht werden.

Gerade hier werden aber eigenartige Signale ausgesendet. Wollen Sechzehnjährige abstimmen, wird es ihnen verwehrt. Bleiben die Jungen der Politik fern, sind sie faul. Tanzen sie, sind sie ohne Inhalt. Fordern sie, sind sie naiv, und sind sie engagiert, so werden sie zwar wohlwollend behandelt – aber oft doch nicht ganz ernst genommen.

Und vielleicht resultiert gerade daraus das Bild einer politfaulen Jung-Generation: Nicht durch das Befassen mit ihr, sondern durch das Nicht-Befassen. Denn es gibt sie eben, die Engagierten. Wir sollten sie zu schätzen und nutzen wissen.

 

Dieser Blogpost ist Teil einer Reihe von Beiträgen auf diesem Blog, die unterschiedliche Autoren zum Thema Jugend und Demokratie verfassen.

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