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Spontani-njet

Von Florina Schwander 23. September 2013 Keine Kommentare

Als Kind habe ich mit meinen Eltern viele Städtereisen unternommen. Ich bin freiwillig in jede Kirche und jedes Museum mitgegangen, doch die abendlichen Restaurant-Besuche waren mir ein Graus. Denn: Wir betraten jeweils alle zusammen ein Restaurant. Mama, Papa, Schwester und ich. Schauten uns um. Liessen uns manchmal sogar einen Tisch zeigen und setzten uns seltenerweise sogar hin. Um dann aber nach einem Blick in die Karte oder einfach, sobald wir alle vier mit beiden Beinen im Restaurant drin standen, wieder in einer Einerreihe herauszuwandern. Weil es den Eltern aus irgendeinem Grund doch nicht gepasst hat.

So ging das weiter mit mindestens vier Restaurants pro Abend. Die Qual des Abendmahls. Weil wir uns dafür schämten, ständig unverrichteter Dinge wieder hinauszulaufen, blieben meine Schwester und ich irgendwann vor dem jeweiligen Restaurant stehen und liessen uns erst hereinbitten, falls die Eltern auch wirklich bleiben wollten.

Seit ich in Zürich wohne und ab und zu auswärts essen gehe, wiederholt sich dieses Szenario wieder. Ich laufe in ein Restaurant, stehe etwas blöd herum, spreche mit dem Kellner und verlasse den Ort gesenkten Hauptes wieder. Heute allerdings nicht mehr, weil mir das jeweilige Lokal nicht passt, sondern weil man in Zürich selten irgendwo abends spontan einen Tisch bekommt!

Wenn ich also am Samstag irgendwo essen gehen möchte, dann muss ich mir am Montag schon im Outlook einen Termin eintragen, damit ich um Punkt 15:01 Uhr im gewünschten Lokal anrufe, weil man dort erst ab dann reservieren kann – für eine gefühlte Viertelstunde. Vergesse ich es, habe ich um 15:15 Uhr schon Pech gehabt, die Anrufe schellen ins Leere. Spontan an einem Freitag oder Samstagabend in ein Restaurant meiner aktuellen kulinarischen Lust? Fehlanzeige oder: extremes Glück.

Natürlich gibt es Ausnahmen und natürlich kommt es vor, dass ich auch am Samstag um 19:55 Uhr im beliebtesten Restaurant noch einen Tisch bekomme. Und nein, es ist nicht so, dass ich nur irgendwelchen In-Schuppen nachrenne und nur an einem bestimmten Ort essen will. Ich möchte durch die Stadt ziehen und mich von der Nase leiten lassen, und das führt meistens dazu, dass mir die Türe des besagten Lokals freundlich, aber bestimmt vor der eben erwähnten Nase zugeknallt wird: Njet. 

Einen Weg hinaus aus dem njet-Spontaneitäts-Dilemma, das übrigens nicht nur für Restaurants, sondern auch für fast jedes anderweitige Freizeitvergnügen gilt, habe ich noch nicht gefunden. Ich versuche zu variieren zwischen Quartierspelunke und Volkshaus-Rosso-Italia und freue mich, wenn ein spontaner Besuch dann doch einmal klappt. Oder wenn die Restaurant-Leute nachsichtig sind, weil ich zwar reserviert habe, doch fälschlicherweise für den Freitag in zwei Wochen…

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