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Sta(d)tus quo?

Von Silvan Gisler 22. Oktober 2014 3 Kommentare

Wachstumskritik hat Hochkonjunktur. Viele Leute, volle Züge – die Parameter der Pessimisten wurden gesetzt, der Nährboden für Ecopop gelegt. Dagegen ankämpfen sollten nun die Städte. Städte wie Zürich und Winterthur.

Winterthur ist die Grossstadt der Schweiz, welche in den letzten zehn Jahren am stärksten gewachsen ist. 2008 konnten die Eulachstädter den 100’000sten «Winti» begrüssen: Eine der Liebe wegen gekommene Französin hat sie zur «Grossstadt» gemacht. Heute sind es 108’000. Schätzungen gehen davon aus, dass bis 2040 mit 126’000 Einwohnern und einem zusätzlichem Wohnraum für 18‘000 Personen zu rechnen ist. Zum Vergleich: Im Jahr 1950 lebten 66’925 Menschen in Winterthur, Ende des 18. Jahrhunderts circa 3’000. Nebenan: der grosse Bruder. Zürich. «Tsüri» war schon immer gross. Ende des 18. Jahrhunderts waren es 10’000 Einwohner. 1950 lebten hier 390’020 Menschen, was damals fünfzig Prozent der Kantonsbevölkerung entsprach. Danach wurde die «390er-Marke» allerdings erst 2011 wieder überschritten. Heute wohnen 398’500 Personen hier, Tendenz steigend.

Dichtestress! Überbevölkerung! Werden nun Ecopöpler und Konsorten schreien – und verkennen dabei, was diese Zahlen eigentlich aussagen: Sie sind Indikatoren für Attraktivität. Attraktivität ist auch verbunden mit Wohlstand. Wohlstand mit Wachstum. Nicht von ungefähr kommt, dass die Bevölkerung in Winterthur und Zürich just dann schrumpfte, als die Krise der 70er-Jahre Wirkung zeigte, Städte unter den Folgen der Deindustrialisierung zu leiden hatten – oder später Gemeinden in der Umgebung Steuertiefstapler anzogen und die Zersiedelung anheizten.

Doch dann wurden die Städte wieder attraktiver. Zum Glück.

Denn ich liebe das Leben hier. Die Menge an interessanten Menschen. Die Vielfalt an Angeboten. Die Kreativität. Den Lärm als Zeichen von Leben. Die Veränderung als Agitator gegen Langeweile. Das muss mal gesagt sein, denn die Stadt – dieser vermeintlich verschmutzte, amoralische Betonkoloss – ist das Feindbild der Wachstumsverweigerer. Gerade die Städte und ihre Bürger sollten darum selbstbewusster nach vorne treten und zeigen, was für Leben in ihnen steckt. Zeigen, dass die gestreute Dystopie einer Schweiz mit vielen Einwohnern auf verdichtetem Raum eben kein Horrorszenario ist. Schon oft wurde gesagt «etz häts kei Platz meh», und noch immer irrten wir uns. 10 Millionen alleine in den urbanen Zentren der Schweiz – es wäre machbar.

Stattdessen konzentrieren wir uns zu sehr auf Begriffe wie «Herausforderung» oder «Negative Effekte» und übernehmen somit eine Terminologie der Kritik. «Wachstum als Herausforderung» – lautet zum Beispiel der Titel einer Broschüre der Stadt Winterthur. Und die Stadt Zürich betitelte letztes Jahr eine Veranstaltungsreihe mit der Universität Zürich mit «Wachstumsschmerzen».

Klar gibt es Herausforderungen: Quartierbilder, Freiräume, Wohnungen, Verkehr, Umwelt, Steuerfragen… Doch Wohnungsfragen sollen mit Wohnungspolitik gelöst werden, Verkehr mittels Verkehrspolitik, Freiräume nicht durch Konzepte sondern durch freie Gestaltung gewährleistet werden, Grünflächen durch Verdichtung. Dies alles ist vielversprechender, als Wachstum lenken, gar eindämmen zu wollen.

Wachstum ist nicht Selbstzweck, ist nicht Bedrohung. Und Urbanität kein Schimpfwort. Lassen wir es nicht durch andere zu einem solchen verkommen.

3 Kommentare

  • Markus Petersen

    Ich wohne selbst mitten in der Stadt Zürich (Kreis 1) und erlebe dort sämtliche Facetten des städtischen Lebens – manche negativ (2000.- für 50qm), viel mehr aber positiv (Die ganze Welt vor meiner Haustür). Über „Dichtestress“ kann ich mich auch nicht beklagen, das ist eher ein Problem derer, die aus der Agglo jeden Tag um 7 mit der S-Bahn nach Züri rein müssen, nicht derer die um 8 über den Mühleseg zur Arbeit laufen.

    Nichtsdestotrotz werde ich Ecopop zustimmen. Dies schlicht deshalb, weil es dringend nötig ist, eine Welt ohne ewiges Wachstum nicht nur in der Theorie zu denken, sondern es auch wirklich zu versuchen. Wir alle wissen, dass es nicht ewig so weitergehen kann – aber niemand will derjenige sein, der die Konsequenzen auf sich nimmt. Solange wir in der Spirale des ewigen Wachstums gefangen bleiben, werden wir auch immer gezwungen sein, zur Erhaltung unseres Wohlstands (bzw. des Wohlstands unserer Elite) unsere Lebensqualität und unsere Natur zu zerstören. Daraus müssen wir ausbrechen. Uns geht es in der Schweiz derart gut – wenn nicht wir, wer dann sonst?

    Und zur ganzen Rassismusdebatte bei Ecopop: Für mich ist die Reduktion der Multikulturalität, welche durch Ecopop wohl entstehen würde, eine negative (!) Auswirkung der Initiative – welche ich zugunsten der Wachstumsreduktion aber in Kauf nehme.

    • Manuel Lehmann

      Lieber Herr Petersen, aus dem Kontext heraus vermute ich, dass sie Wirtschaftswachstum meinen. Dagegen richtet sich die Ecopop-Initiative aber nicht.

    • Silvan Gisler

      Lieber Herr Petersen

      Schade, dass Sie JA stimmen werden. Denn Ecopop weiss auf Umweltfragen nur eine Antwort: Zuwanderung und Geburten beschränken. Das ist aus vielen Perspektiven schwach:
      1) Die Zuwanderung in der Schweiz beschränken bedeutet überhaupt keine Abnahme der Umwelt-Nutzung oder Schadstoff-Emmission in der Summe (die Menschen ennet der Grenze gibt es ja dennoch noch). Wir machen damit einzig Grenzen dicht, wir schliessen aus.
      2) Damit sagen wir: Wir dürfen hier leben und konsumieren, ihr nicht. Wir dürfen Wohlstand geniessen, ihr nicht. Das hat nichts mit Umweltschutz zu tun, das ist schlicht elitär. Wir – um es ihn Ihren Worten zu sagen – „brechen“ nicht aus sondern schliessen uns ein.
      3) Mehr Leute = mehr Mehr stimmt nur sehr bedingt. Der Grad der Umwelteinwirkung hägt nicht nur von den Anzahl Menschen sondern von der Art ihres Konsums ab. Ein wichtiger Faktort spielt hier die Innovation. Schon Malthus unterschätzte den Fortschritt. (Lesen Sie dazu zb. diesen artikel: http://www.forausblog.ch/fehler-entdeckt-ecopop-formel-nicht-nachhaltig/#.VEeyl-eQsgC)
      4) Geburtenraten hängen auch mit Wohlstand zusammen. In erster Linien Geburten in Drittweltstaaten beschränken zu wollen setzt am Kopf und nicht an der Wurzel an. Wohlstand und höhere Einkommen senken die Geburtenraten. Und wie kommt ein Drittweltland zu Wohlstand und höherem Pro-Kopf-Einkommen? Sie erraten es: Mit Wirtschaftswachstum. Also lassen Sie uns die Armut in diesen Ländern bekämpfen und nicht die Kinder.
      5) Menschen aus der Dritten Welt sollen also gemäss Ecopop-Logik nicht konsumieren, nicht migrieren und sich nicht vermehren. Das ist doch anmassend?

      Ihre Wachstums-Kritik kann ich so nicht unterschreiben:
      1) Null-Wachstum ohne Wohlstands-Rückgang funktioniert schon in der Theorie nicht. Es dennoch in der Praxis zu versuchen find ich nicht wünschenswert. Uns geht es gut wegen und nicht trotz Wachstum.
      2) Wenn wir nun Schluss mit Wachstum fordern, heisst dies nichts anderes, als dass diejenigen die schon haben, versuchen dies zu behalten und die die nichts haben, auch zukünftig nichts haben werden. Null-Wachstum fördert die Ungerechtigkeiten.
      3) Klar, Wirtschaftswachstum hat nicht nur Zuckerwatten-Seiten sondern auch Einflüsse auf unsere Umwelt. Aber gleichzeitig er hat auch erst die Innovationen begünstigt. Wäre Solar-Energie ohne Innovation möglich gewesen? Wir wären früher vielleicht bei Kohle stehen geblieben – und würden es nun bei Atomstrom.

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