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Städteblind in Zürich

Von Florina Schwander 10. Februar 2014 1 Kommentar

Jeder kennt das Phänomen der Büroblindheit, wenn man schon zu lange auf einem Beruf arbeitet und gewisse Dinge nicht mehr so sieht, wie ein Aussenstehender sie sieht. Gleiches gilt wahrscheinlich auch für die Beziehung mit dem Partner oder der Familie, dort nennt sich das allerdings Liebe… Ich glaube, dass es dieses Phänomen der Blindheit auch für den Wohnort gibt. Man nimmt die jeweilige Stadt, in der man schon eine Weile lebt, ganz anders wahr, als man dies als frisch Zugezogene tat oder es immer wieder Fremde tun.

Ich wohne mittlerweile knapp fünf Jahre in Zürich und würde behaupten, dass ich auf positive Art und Weise «städteblind» bin. Zurzeit weilen allerdings gerade zwei meiner Freundinnen aus München in Zürich. Durch die beiden lerne ich Zürich momentan noch einmal neu kennen und schätzen. Ähnlich begeistert wie ich anfangs meiner drei Jahre in München (und natürlich auch zum Start in Zürich) war, reagieren die beiden Frauen auf die Limmatstadt.

Sehr amüsant finde ich neben den vielen Lobeshymnen auf die tollen Cafés, die hübschen Männer und die sauberen Kirchtürme, die in der Nacht noch glänzen, allerdings die Kuriositäten, die den beiden unabhängig voneinander auffallen:

  • Gibt es hier keine Penner oder Bettler?
  • Altersheime und Krankenhäuser liegen an bester Lage, üblicherweise mit Seeblick.
  • Verkehr wird mit Verkehrspolizisten geregelt – wie zum Beispiel beim Central.
  • Mülltrennung ist hier nicht so in – Milch und Joghurt in Glasflasche scheint es nicht zu geben.
  • Mieten sind «uh-huuure» teuer – essen Gehen ebenfalls.
  • In Wipkingen gibt es die sicherlich teuerste Schrebergartensiedlung der Welt: direkt an der Limmat.
  • Zürcher scheinen sich gerne gut zu kleiden – die Stadt ist ein bisschen das Berlin der Schweiz mit Hipstertum an jeder Ecke.
  • Schweizer pendeln viel – vielleicht sind deswegen alle Bahnen und Busse so komfortabel.
  • Wohnungen scheinen allesamt knarzende Böden zu haben und mindestens ein Möbelstück ist aus einem Brockenhaus. Vintage ist in Zürich wohl eine Lebenseinstellung.
  • Das, was den Deutschen an den Schweizern ab und an etwas umständlich erscheint; Ästhetik, Korrektheit, Höflichkeit – scheint alltäglich zu sein im Arbeitsleben. Manches dauert dafür länger, aber wird es «richtiger».
  • Die Schweiz als Land ist gesittet. Es gibt gemässigte Öffnungszeiten und strikte Kontrollen für alles – auf der Autobahn gilt Tempo 120 km/h und wehe du fährst 270 km/h, da kann das Auto gleich einkassiert werden und richterlich zum Verkauf angeordnet werden!
  • Eine super Erfindung ist auch der Apèro. Bei den Deutschen schnöde als After-Work-Drink bekannt und eher mit einem Besäufnis unter der Woche assoziiert, ist er hier gepflegter Alltagsabschluss mit den Kollegen.
  • Zürich pulsiert: An jeder Ecke wird gebaut, nicht störend, doch man merkt, die Stadt ist in Bewegung.

Zürich als gesittete Stadt, Zürich als pulsierende Stadt, die aber punkto Recycling noch etwas machen kann – ich amüsiere und freue mich jeweils sehr, Zürich nochmals ein bisschen neu kennenzulernen durch die Augen meiner Münchner Freunde.

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