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Stau

Schon wieder ein Wochenende mit Staukolonnen hinter uns. Am Gotthard, am San Bernardino: kilometerlange Autoschlangen. Wartende Autolenker, die ihre Hunde ausführen, ihre Kinder beruhigen, alle eingeklemmt zwischen unbekannten Menschen vor und hinter ihnen, manche fluchend, andere gelassen.

Seltsam, Stau entsteht genau an jenem Wochenende, an dem die Kirchen in aller Welt mit dem Pfingstfest die Kraft des Geistes feiern. Der Geist, der alles durcheinanderwirbelt, der Menschen über Sprachen und Grenzen hinweg miteinander ins Gespräch bringt, ausgerechnet dieser Geist stellt Tausende von Autos wohlgeordnet auf dem Asphalt in eine Reihe. Jeder sitzt für sich hinter dem Lenkrad seines Autos, in einer abgeschlossenen Blechbox, kommunikativ zurückgeworfen auf Selbstgespräche – nein, diese Welt bleibt mir verschlossen.

Nicht nur am Wochenende, sondern jeden Tag Stau um Zürich herum. Nordring, Westring, Stillstand. Seltsam, jene Stadt, in der sich unter Wachstumsschmerzen bis in höchste Höhen und tiefste Durchmesserlinien alles verändert, in der alles pulsiert, die sich radikal zukunftsgewandt gibt und in der die Maxime des Fortschritts gilt – dieses Zürich ist von einem Gürtel umgeben, Nordring, Westring, Stillstand. Auch diese Welt bleibt mir als mitten in Zürich am Grossmünster lebender Züribueb verschlossen.

Nicht verschlossen ist mir in der Seelsorge die Staugefahr von innen: Da sitzt er mir gegenüber, 52 Jahre alt, seit vier Jahren getrennt, die Arbeit als Leiter einer Abteilung vor ein paar Monaten verloren, zum ersten Mal beim RAV, Vater von zwei jungen erwachsenen Kindern. Jeden Morgen geht er aus dem Haus. An einem Sonntag läuten die Glocken so schön, er steht auf der Münsterbrücke und entscheidet spontan ins Grossmünster zu gehen: «Nützt’s nüt, so schadt’s nüt!» Er kommt ein zweites Mal, ein drittes Mal. Er wagt, mir ein Mail zu schreiben. Und nun sitzt er da. Und plötzlich bricht es aus ihm heraus. Er weint, nein, ein Heulkrampf ist es, der ihn schüttelt. «Entschuldigung, das ist mir peinlich, seit Jahren kann ich nicht weinen, nun so was.» Ich vermittle ihm ein paar Kontakte. Am nächsten Tag schreibt er mir, wie erleichtert er jetzt sei.

Bringen der verstopfte Nord- und Westring Zürich in jene Staugefahr, nicht mehr weinen zu können? Kann es sein, dass der stockende Kolonnenverkehr verhindert, dass in Zürich etwas in Bewegung kommt? Ich plädiere in unserer Stadt für Oasen, wo Aufgestautes plötzlich ins Fliessen kommt. Ich setze mich ein, dass Kirchen solch offene Räume sind, mit Durchzug des Pfingstgeistes, ohne Staugefahr.

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