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Steuererklärung ausfüllen mit Naina

Von Silvan Gisler 28. Januar 2015 1 Kommentar

Und wieder ist sie da, die Steuererklärung. Konstante in der jährlichen Korrespondenz zwischen dem Kanton Zürich und mir. Zuverlässige Ursache von Ärger, Raubvogel der Zeit, Manifestation der Überforderung. Denn neben dem Umstand, dass in diesen unzähligen Faltblättern mehr implizite politische Sprengkraft liegt als in jeder Sonntagszeitung, ist sie wohl für viele Bürger vor allem eines: kompliziert.

Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf als ich am Morgen das weisse C4-Couvert aus dem Briefkasten hole. Und ich denke dabei auch an Naina. An @nainablabla, die 17-jährige Schülerin aus Köln, die in Deutschland für ordentlich Wirbel sorgte mit folgendem Tweet:

«Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.»

«Recht hat sie!», denk ich mir, und erinnere mich an meine Schulzeit und mein erstes Mal.

Mein erstes Mal Steuererklärung. Völlige Überforderung. Dank der Schule konnte ich zwar erklären, wieso es ökonomisch unsinnig wäre, wenn Roger Federer seine Steuererklärung selber ausfüllen würde: Der Roger verdient nämlich viel mehr Geld, wenn er sich vor der Kamera für Gillette rasiert und während dieser Zeit jemanden seine Steuern machen lässt. Opportunitätskosten und so. Doch dieses Wissen nützte mir in dem Moment relativ wenig, im Gegenteil, es steigerte meine Wut: «Vermaledeiter Roger! Darf Unmengen Geld verdienen, während ich mich hier mit meinem Bruttoertrag mit und ohne Verrechnungssteuerabzug herumschlagen muss! Hm..? Verrechnungswas?»

Überfordert mit der Situation musste ich beim Vater zur Aufklärung antraben – und schlussendlich ging’s dann. Aber halt so, wie es bei ersten Malen manchmal gehen kann: knorzig und mit der gewissen Erleichterung, wenn es geschafft ist.

Nicht alle aber können bei den Eltern zur Steuer-Aufklärung antraben. Manche scheitern bereits bei der Sprache, manche am Inhalt: Der 18-jährige Murat, der vor 4 Jahren in die Schweiz kam und dessen Eltern nur gebrochen Deutsch sprechen? Die 18-jährige Jenny, die schon immer eine Rechenschwäche hatte, aber weder Geld für Nachhilfe noch die Unterstützung der schichtarbeitenden alleinerziehenden Mutter hatte? Wenn ein Kantonsschüler mit Schwerpunktfach «Wirtschaft und Recht» sich schon mit der Steuererklärung abmüht…

Mit Hilfsmitteln wie Software und Wegleitungen ist das Ausfüllen der Steuererklärung zwar einfacher geworden. Mühe damit haben dennoch immer noch viele. Und gerade darum hat Naina recht: Nach Schulabschluss müsste man das können – oder zumindest verstehen. Dasselbe gilt für Fragen der Krankenkasse, Haftpflichtversicherung, Mietrecht, AHV… Wenn man nach dem Schulabschluss noch keine Ahnung von solchen Dingen hat, so macht die Schule etwas falsch. Punkt.

Wer nun argumentiert, die Schule könne nicht alles übernehmen, was eigentlich Sache der Eltern sein sollte, verkennt, dass nun mal nicht alle die gleichen Voraussetzungen haben. Auch das «Learning-by-doing/Lebensschule»-Argument hinkt, denn dasselbe könnte man gegen Englisch-Stunden ins Feld führen. Noch weniger aber verstehe ich intellektuelle Einwände wie diesen: «Wo aber bleibt das Schöne?» fragt Ulrich Greiner in der aktuellen Ausgabe der «Zeit» in einem «Plädoyer für die Künste». Greiner schreibt von Molière, Homer und Goethe und prangert das ökonomische Nützlichkeitsdenken in der Bildung an, dem solche «schönen» Künste zum Opfer fallen. Eine mit Verlaub doch sehr intellektuelle Sichtweise. Natürlich soll man in der Schule Zeit haben, um über Kants kategorischen Imperativ zu diskutieren. Natürlich sollte die Schule Platz bieten für Reflexionen, natürlich geht es auch darum, Zusammenhänge zu begreifen, und um die Fähigkeit, sich Dinge anzueignen – aber macht dies die Forderung nach unmittelbarem, praktischem Wissen obsolet? Hat Naina darum weniger Recht? Mitnichten.

Der Tweet des zuvor unbekannten deutschen Teenagers wurde 16’079 mal retweeted und 29’166 mal favorisiert. Ich bin mir sicher, dass viele Schweizer Schulabgänger ähnliche Töne anschlagen würden. Sollen wir ihnen nun weismachen, dass man «Praktisches am besten in der Praxis lernt» (Frankfurter Allgemeine) und darum Wirtschaftsthemen keinen Platz haben? Also bitte. Das muss ja nicht frontal im Schulzimmer sein. Lerngruppen, Gotti-/Götti-Systeme mit ehemaligen Schülern etc. – Möglichkeiten gäbe es.

Gerade wirtschaftliche und juristische Themen sollten vermehrt in die Bildung einfliessen. Denn sie sind ein Schritt zur Chancengleichheit. Ein Schritt, der verhindert, dass Jugendliche aus bildungsschwachem Umfeld beim Eintritt in das Berufs- und Familienleben einen komparativen Nachteil haben, weil sie sich im Versicherungs-, Arbeits- und Mietrecht nicht auskennen.

Denn Roger Federer kann seine Steuererklärung jemandem übergeben, der sie für ihn optimiert. Viele hingegen, für die Einsparungen entlastend wären, können das nicht.

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1 Kommentar

  • Jack C Hügel

    Lieber Silvan

    Ich kann dir leider nicht ganz folgen: Warum forderst du eine Änderung der Schule, wenn das Steuersystem (bzw. die Steuererklärung) zu kompliziert ist? Wird da nicht das Symtom mit dem Problem verwechselt?

    Ich fand bei Goethe durchaus das Unmittelbare, Praktisches und Relevanz. Oder bei der Lektüre von Balzacs Werk: da habe ich mehr über das Räderwerk der Gesellschaft und die Triebfedern der menschlichen Natur erkannt (und auch einiges über Recht und Unrecht) als in der Schulbank.

    Behüte, dass man unseren Jungen das Ausfüllen eines Formulares beibringt. Wollen wir denn schulisch das Mittelmass, Bürokratie und Einheitsbrei fördern? Ist es nicht der Blick des jungen Menschen auf die Steuererklärung den wir uns bewahren sollten um diese in Zukunft zu vereinfachen?

    Geben wir den Kindern und Jugendlichen lieber Freiraum, damit sie selbst entscheiden können was für sie relevant ist. Wenn Nina der Meinung ist, für sie sei es das Ausfüllen einer Steuererklärung, so lade ich sie ein uns einen Vortrag über das deutsche Steuersystem und die Steuererklärung zu halten. So kann sie ihr (selbst angeignetes) relevantes Wissen mit uns allen Teilen.

    Noch eine letzte Frage: wieviele Schulabgänger wissen eigentlich wie ein Computer funktioniert, oder was Software ist? Wichtig ist doch, dass jene die das interessiert wissen wo sie diese Infos herkriegen.

    Beste Grüsse

    Jack C Hügel

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