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Stress wegen mangelnder Dichte

Von Brigitte Federi 15. Mai 2014 1 Kommentar

Die Frühlingsferien habe ich mit meiner Familie in den jurassischen Freibergen verbracht. Es ist eine meiner liebsten Gegenden unseres Landes, vielleicht gerade, weil ich mich dort oft gar nicht in der Schweiz wähne. Eine Hochebene mit grossen Weiden und dunkeln Wäldern, abgelegene, weiss getünchte Höfe, von Efeu umrankte Auberges – erst den vielen «à vendre»-Schildern an den alten Häusern gelingt es jeweils, mich aus meiner romantischen Verklärung zurück in die wirtschaftliche Realität des Kantons zu holen.

Und meinem siebenjährigen Sohn. Während wir Eltern von Weite, Offenheit und wilder Natur schwärmten, passte dem Kind so einiges nicht. Allem voran die unglaublich weiten Distanzen, die zur Befriedigung seiner Bedürfnisse zurückgelegt werden mussten.

Vor den Ferien hatte er uns überzeugt, dass der letzte Besuch in seinem bevorzugten Fastfood-Lokal schon viel zu lange her war. Eine kurze Recherche am ersten Regentag ergab, dass das nächstgelegene 40 Minuten Autofahrt von uns entfernt lag (und sich ideal mit dem Besuch eines Uhrenmuseums kombinieren liess). Auf dem Weg nach La Chaux-de-Fonds jammerte es dann in regelmässigen Abständen vom Rücksitz: «Es kann doch nicht sein, dass man so lange fahren muss, um zum nächsten McDonald’s zu gelangen! Das ist doch nicht möglich!»

Die darauf folgende Lehrstunde zum Thema Bevölkerungsdichte in der Schweiz nützte leider nichts – der nächste Regentag bescherte uns ein Kind, das nicht glauben wollte, dass das nächstgelegene Kino wiederum knapp 40 Minuten von uns entfernt war. «Was machen die Menschen hier, wenn sie sich einen Film anschauen wollen? Warten, bis die DVD erhältlich ist?»

Dichtestress kennt mein Stadtkind nicht. Aber noch mehr Unverständnis: Wieso ist im Jura der Handyempfang so schlecht? Wie schaut er sich jetzt am Abend seine heissgeliebten Lego-Filme auf Youtube an? Wer beantwortet ohne Wikipedia seine tausendundeins Fragen proTag? Und woher wissen wir, wie morgen das Wetter sein wird?

Ich erinnerte mich an das Fernsehgerät, das in der Ferienwohnung stand, und wir zwei schauten uns am Abend zusammen «Meteo» an. Ganz zufällig lief im Anschluss ein Image-Werbespot von Jura Tourisme. Gezeigt wurde unter anderem der Moorsee, um den wir wenige Stunden zuvor spaziert waren. Auf einem Steg sitzt eine junge Frau, lässt Hand und Seele baumeln und die Stimme aus dem Off erzählte etwas von Ferien ohne Stress und Handytöne. Und neben mir auf dem Sofa rief das Kind im inzwischen bekannten Tonfall zum Fernseher: «Kein Stress? Ich hab hier Stress! Zuhause in Zürich hab ich den nicht, da geht es mir gut!»

Ich weiss nicht, wohin das noch führen wird. Beruhigt hat mich, dass mein Sohn vor drei Tagen fragte, ob wir wieder einmal im Jura Ferien machen würden. Am Moorsee habe es ihm besonders gut gefallen.

1 Kommentar

  • rittiner & gomez

    sie schreiben uns aus dem herzen und erinnern uns schwer an die juraferien mit unserer tochter. leider kam die frage, nach wiederholung noch nicht.

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