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Teppiche und Kerzen

In Gesprächen, Begegnungen, aber auch per SMS und E-Mail begleite ich unterschiedliche Menschen in schwierigen Situationen. Vor einigen Tagen, an einem Freitagmorgen, schreibt mir eine leidende Person ein SMS: Sie könne die Schmerzen nicht mehr aushalten und möchte sterben und bitte mich, für sie zu beten, dass sie bald gehen dürfe. Ich schreibe ihr zurück, dass ich jetzt gleich im Grossmünster für sie eine Kerze anzünde und bete.

Ich steige in die 12-Boten-Kapelle hinunter ins diffuse Licht. Links neben mir nehme ich eine dunkle Gestalt wahr. Es ist ein Mann jüngeren Alters, der gerade seinen Teppich zum Gebet ausrollt. Aus meinen Gedanken gerissen, gehe ich zu ihm und stelle mich als Pfarrer vor. Er schaut mich mit grossen Augen an: «Ich bin auf Geschäftsreise, habe daheim Probleme, und ich möchte beten.» «Stört es Sie, wenn ich beim Taufstein eine Kerze anzünde und für jemanden bete, dem es sehr schlecht geht?» «Nein, sicher nicht, wir beten ja zum gleichen Gott.»

Und so geschah es, dass im gleichen Raum – im Grossmünster, der Mutterkirche der Reformation und der Kirche unserer Stadtheiligen Felix und Regula – zur gleichen Zeit ein Muslim und ein Christ beteten. Das Bekenntnis zu Gott, der Christus dem Tod aus dem Rachen riss und zum Leben auferstehen liess, und das Bekenntnis zu Allah und seinem Propheten Mohammed verwandelten sich zu einem Wort der Barmherzigkeit und des Mitgefühls.

Gerade in den Tagen über Karfreitag und Ostern sind Herz und Seele offener für Verwandlungen und Transformationen. Kirchenräume sind öffentliche Räume. Spielräume, um neue Wege für sich und andere zu finden; Energiezentren, um verwandelt hinauszugehen. Wir stehen mitten in Veränderungsprozessen, auch im Religiösen. Diese zeichnen sich in die sakralen Mauern ein.

Gebetsteppich und Kerzengebet verwandeln nicht nur die 12-Boten-Kapelle zu einem heilenden Raum. Überall dort, wo in diesen Tagen Teppiche zum Gebet ausgerollt und Kerzen zum Gebet angezündet werden, entstehen Kapellen, Moscheen, Synagogen und Tempel – mitten in der Stadt eröffnen sich da und dort Räume der Begegnung und Veränderung.

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