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Tor des Monats!

Von Philipp Meier 4. Oktober 2013 6 Kommentare

Bei genauem Hinsehen eine Absurdität: Ein Haus wird teuer gebaut und aufwändig unterhalten; man hängt ein Bild an die Wand und wartet dann, bis Menschen kommen, um sich dieses Bild anzuschauen. Passt das noch zu unserer heutigen Zeit? Eine Replik auf Felix Ghezzis Blogpost, der unlängst obligatorische Museumsbesuche für alle gefordert hat.

Tor des Monats

Vorlage: Rico & Michael. Photoshopped: Philipp Meier

Vor ein paar Tagen machte mich Sabine Gysi, die hinter dem Karlblog organisatorisch die Fäden zieht, auf den jüngsten Blogeintrag von Felix Ghezzi aufmerksam. Ihre Absicht war offensichtlich; sie möchte gerne eine Debatte starten.

Der Beitrag von Felix Ghezzi trägt den Titel «Museumsbesuchszwang für alle!»; und Sabine Gysi weiss im Gegenzug, dass ich es an der Zeit finde, zugunsten der Kunstvermittlung im Web ein paar Museen zu schliessen, oder zumindest keine neuen mehr zu bauen. Die Debatte ist eröffnet (gerne auch hier in den Kommentarspalten).

Wenn ich Felix Ghezzi nur in einem Satz antworten dürfte, dann würde ich ihm entgegnen, dass die Massnahme, die er vorschlägt, bitter nötig sei, denn anders lasse sich die zunehmende Zahl an Museen und Galerien in Zürich nicht füllen.

Weil ich, wie Ihr wisst, für diesen Blogeintrag nur CHF 100.- kriege, sollte ich hier eigentlich abschliessen. Das Thema brennt mir jedoch unter den Nägeln, und meine Entgegnung lässt sich ziemlich knapp und knackig formulieren.

Das Wichtigste vorneweg (denn da werde ich oft missverstanden): Ich finde das Setting «Museum» spannend und ich würde mich massiv dagegen wehren, wenn das letzte Museum geschleift werden sollte.

Wie Fernsehen
Zusammen mit dem Theater, der Oper und dem Konzert zählt das Museum zum «kulturellen Format» TV. Anschauen ist die Zwillingsschwester von Zuschauen. Erlaubt ist einzig, was nicht stört: Mitdenken. Gibt es irgendwo die Möglichkeit, ein Werk oder eine Ausstellung mitzugestalten, dann ist das die Ausnahme, die die Regel bestätigt.

Passiver geht’s nicht
Es ist total anachronistisch, in einem Haus ein Bild an die Wand zu hängen und dann zu warten, bis Menschen sich dieses Bild anschauen kommen. Ein Museum muss teuer gebaut und aufwändig unterhalten werden; und damit die Menschen wissen, dass in diesem Haus ein Bild hängt, muss eine grosse Werbemaschine gestartet werden.

Eine Art Brache
Es gab Zeiten, da wurden in Museen Design- oder performative Messen abgehalten. In Museen arbeiteten und lebten Künstlerinnen und Künstler. Diese Zeiten der grossen Experimente, der (Inter-)Aktionen und der unterschiedlichen Öffentlichkeiten sind jedoch längst vorbei. In Zürich gibt es nicht nur immer mehr Museen und Galerien, sondern es ist darin oft auch immer dasselbe zu sehen; eine Aneinanderreihung von Ausstellungsobjekten. Und weil Zürich die Industriebrachen abhanden kommen, müssen wir den Fokus auf neue Brachen legen. Die homogene Bespielung der vielen Ausstellungsräume birgt das Potential für einen Auf- und Ausbruch.

Zeitgenössisch ist nicht gleich zeitgenössisch
Wirklich zeitgenössische Kunst kann grösstenteils nicht mehr in Museen ausgestellt werden. Das beste Beispiel dafür ist die Zürcher Mediengruppe Bitnik. Mit ihren Hacks greifen sie in (mediale) Räume ein und machen dabei «Unerhörtes» hör- und sichtbar. Viele ihrer Arbeiten sind in diversen öffentlichen Räumen erlebbar. Dass sie mit Adaptionen oder Überbleibseln ihrer «Medienkunst» immer wieder in Museen anzutreffen sind, kommt vor allem daher, dass sie im Kunstbetrieb nur auf diesem Wege Aufmerksamkeit und letztendlich Geld erhalten.

Als Fazit entgegne ich somit Felix Ghezzi: Nachdem alle gezwungen wurden, ein Museum zu besuchen, sollen sie wieder zurück an ihre Rechner gehen und selber aktiv werden; denn alle sind KünstlerInnen!

6 Kommentare

  • Michael

    Passend dazu: Ein Versuch digitale Kunst im Internet «museal» zu präsentieren: http://www.neverlandspace.com

  • Sabine Gysi

    @Michael: Eine sehr interessante Nuance von Weiss ist das…

  • philipp meier

    @michael: ich kenne das projekt. finde den ansatz genial (verbunden mit der hoffnung, dass z.b. die arbeiten von netzhammer animiert sind). ABER: die bezahlschranke schreckt (wohl nicht nur mich) ab. ich lasse mich jedoch (noch so) gerne vom gegenteil überzeugen.
    vom konzept her scheint es auch nicht weit vom museum weg zu sein (zumindest so lange ich den ausstellungsspace nicht sehe;)). ich nehme an, dass das auch das ist, was @sabine mit ihrem kommentar anschreibt.
    das digitale museum als app fände ich spannend. das hiesse jedoch, dass man sich einmalig für wenige franke eine app runterlädt, die stetig geupdatet wird (evtl. mit der möglichkeit, einzelne werke gegen bezahlung runterzuladen)
    die frage zum businessmodell finde ich sehr spannend; aber auch sehr schwierig…

  • Felix Ghezzi

    @Philipp: Vielen Dank für deine Antwort auf meinen Eintrag. Deine Zeilen werfen gleich einen Bündel von Themen auf. Nur wenige Freistossversuche. Um von hinten, d.h. vom letzten Kommentar, anzufangen: Ein digitales Museum ist ja aber noch immer passiv. Nach der Lektüre auch von anderen von dir verlinkten Posts, habe ich dich so verstanden, dass du dies genau zu vermeiden suchst, dass dir nichts mehr am Herzen liegt als Aktivität statt Passivität. Immerhin kommen wir mit Social Media der vielbeschworenen Demokratisierung des Wissens näher und vielleicht wird’s ja für den Steuerzahler, der sowohl via Steuern und Eintritt den Zugang ins Museum doppelt bezahlt, viel billiger. Das begrüsse ich natürlich auch sehr (obwohl das dann vielleicht wieder Potenzial zur Streichung von Kulturgelder fördert, statt sie in Projekte zu investieren, die unter deinem Verständnis von „zeitgenössischer Kunst“ laufen). Ein anderes Problem der Kunst-Präsentation in den Social Media ist, wer überhaupt davon erfährt. Klar gibt es Milieukönige, die ihr Milieu darauf aufmerksam machen. Aber wie kommt die Kunstvermittlung über das Milieu hinaus – ohne die gleichen Summen zu verschlingen wie die Museen?
    Um nochmals auf die Passivität zurückzukommen: Ist das „Geglitsche“ für dich, was du unter Interaktion und Nicht-passiver-Kunst verstehst, und das du in der von mir als „zeitgenössisch“ bezeichneten Kunst (statt wohl besser „zeitgenössisch institutionalisierter Kunst“) vermisst? Falls ja: Ein paar Regler hin- und herschieben und damit ein Bild zu manipulieren kann um einiges kopfloser sein als sich mit den ästhetischen und inhaltlichen Fragestellungen eines guten Bildes oder einer Skulptur in einem Museum, einer Galerie oder in einem Offspace oder wo auch immer auseinanderzusetzen. Sicher ist es zumindest theoretisch sehr wertvoll, wenn jeder an einem Kunstwerk „mitarbeiten“ kann/darf. Aber das ist natürlich noch lange nicht Garantie dafür, dass aus einem durch irgendjemanden weiterverarbeitetes Yves-Netzhammer-Video nicht plötzlich Bullshit wird. Dass jemand nach dem sogenannt passiven Konsum von Wade Guytons Werken – um doch noch einen Rückzieher zu meinem eigenen Blogeintrag zu machen – nach Hause geht und angeregt davon einen Mist erfindet, diese Gefahr besteht aber natürlich ebenso.

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