Menu

Trügerisch geordnet und kosmologisch verwirrt

Von Felix Ghezzi 19. Februar 2015 3 Kommentare

Matt Mullican, Frottage, Musci, Blatt Nr. 2, Kassette Nr. XIV aus: “Untitled“, 1990-1991, Graphische Sammlung ETH Zürich

Glücklich sind jene, die den Sinn des Lebens zu kennen glauben. Wir anderen sind weiterhin auf der lebenslangen Suche. Also sucht man Halt in Religionen, in Modellen und Theorien oder schafft anderweitig Ordnung.

So auch der US-amerikanische Künstler Matt Mullican. Werke von ihm sind bis am 29. März 2015 in der Graphischen Sammlung der ETH Zürich zu sehen.
 
 
Mullican hat in den 1980er-Jahren eine «Kosmologie» (griech. «die Lehre von der Welt») entwickelt, die aus fünf Ordnungskategorien besteht: Auf der untersten Ebene sind die «Physical Elements» (Natur oder materielle Eigenschaften von Dingen), darauf folgen «World Unframed» (alltägliche Dinge wie Fernseher oder Staubsauger), «World Framed» (Künste: Malerei, Architektur, Tanz u.a.), «Language» (Sprache, Schrift- und Bildzeichen, Mathematik) und auf der höchsten Ebene «Subjective Meaning» (geistige Aktivitäten, Philosophie).

Man muss diesen Hintergrund nicht kennen, um die ausgestellten Ölkreide-Frottagen zu mögen. Vielleicht wäre es sogar besser so. Ich habe mich auf jeden Fall durch den Besuch von zwei Vorträgen «Kunst am Montagmittag» (in der ETH, jeweils um 12.30 Uhr, ca. 20 Minuten), das Anschauen von Youtube-Videos und das Lesen von Texten zu Mullicans Werk in eine unangenehme Verstrickung auf der Ebene «Subjective Meaning» begeben.

Dabei fing es ganz harmlos, auf tiefer Stufe, an. Als ich die aufgehängten Werke zum ersten Mal sah, gefielen mir einige spontan sehr gut, andere weniger. Dann hörte ich mir den Vortrag zu dem «Höhepunkt der Ausstellung», den 554 Abbildungen nach der «Edinburgh Encyclopædia» (zwischen 1808 und 1830 erschienen) an. Mullican liess die Abbildungen aus 16 Bänden der Enzyklopädie fotografieren, vergrössern, in einem Hochdruckverfahren auf Magnesium-Platten übertragen, sodass er ein Blatt darauf spannen und mit schwarzer Ölkreide darüber fahren konnte. Man nennt diese Technik «Rubbing», «Abreibung» (legen Sie eine Münze unter ein Blatt Papier und fahren Sie mit einem Bleistift darüber). Dadurch entstand eine Kopie der Illustration. Der Charme der Kunstwerke liegt durchaus auch darin, dass es den «Abreibungen» von den Illustrationen wie Brücken, Tieren, Beispielen aus der Architektur oder Botanik am ursprünglichen Detailreichtum fehlt und sie oft sehr flächig und grafisch wirken.

Dass jemanden, der sich eine Kosmologie erdacht hat, Enzyklopädien faszinieren, leuchtete mir sofort ein – ebenso der Versuch, die eigenen Kategorien auf die Abbildungen anzuwenden. Entstanden ist zusätzlich eine Liste mit allen Abbildungen und ihren Zuordnungen entsprechend Mullicans Kosmologie. Dabei ist zu bemerken, dass ein Gegenstand auch mehreren Kategorien zugehören kann. Ein mikroskopisches Tierchen ordnet Mullican lediglich den Physical Elements zu. Die Tafel mit Grundrissen von Tempeln zählt er zu allen, ausser eben dieser tiefsten Kategorie. Seine Begründung: Man könne Bauten wie Alltagsgegenstände gebrauchen, sie könnten kunstvoll sein, als Zeichen für «Tempel» gelesen und als steingewordene Metaphysik angesehen werden.

An diesem Punkt fing meine geistige Tätigkeit immer schneller an zu drehen und verwandelte sich in einen Strudel. Wieso gehört der Tempel respektive dessen Steine nicht auch zu den «Physical Elements», wenn Steine metaphysisch werden können? Oder sprechen wir gar nicht von einem realen Tempel, sondern nur von einem gezeichneten Grundriss in einer Enzyklopädie? Dann kann er aber nicht als Alltagsgegenstand betrachtet werden – ausser als Blatt Papier, das man zerknüllen und in den Papierkorb werfen kann. Was ist dann aber mit dem gezeichneten mikroskopischen Tierchen? Müsste es nicht auch zu «World Unframed» und «World Framed» gehören, da auf ein Papier gezeichnet?

Noch sind mir diese und andere Zuordnungen und Anschauungsebenen ein Rätsel. Und dabei habe ich noch gar nicht von Matt Mullicans Performances erzählt, in denen er sich in Hypnose versetzen lässt und sich vor Publikum die Seele aus dem Leib schreit, sich auf dem Boden rumwälzt, singt, isst, malt, lacht.

Die Welt ist ein Rätsel – und die Kunst eine ihrer Abreibungen.
 
 
Bild: Matt Mullican, Frottage, Musci, Blatt Nr. 2, Kassette Nr. XIV aus: “Untitled“, 1990-1991, Graphische Sammlung ETH Zürich

3 Kommentare

  • inez scherrer

    Lieber Felix, Mullican ist in der Tat ein interessanter Künstler und auch ein sympathischer Mensch. wir haben ein Werk von ihm und sind echt stolz, dass wir ihn vor ca. 15 Jahren „entdeckt“ haben. (Galerie Mai36 vertritt ihn in Zürich). Werde mir die Ausstellung in der ETH noch anschauen.
    Dein Artikel zu diesem vielseitigen Künstler gefällt mir sehr gut. Wünsche ein aufregendes Weekend. Herzliche Grüsse, Inèz

  • Cornelia Heinz

    Und Romane, Dramen und Gedichte, Musik und politische Debatten und naturwissenschaftliche Forschungen und philosophische Forschungen und gute Gespräche unter Freunden reiben das grosse Rätsel auch ab, stimmt’s, lieber Felix?!

    • Felix Ghezzi

      Ganz recht hast du, liebe Conny! Das Diskutieren unter Freunden rückt die Künste, die Politik, Wissenschaft und die eigenen Gedanken in ein klareres Licht, führt zu mehr Sicherheit und Gemeinschaftsgefühl und zur Erweiterung des eigenen Horizonts, aber auch zu Korrekturen etc. So ist man besser gewappnet für die unschönen Seiten der Welt.

Kommentieren