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Trügerische Idylle am Seefeldquai

Von Felix Ghezzi 21. Mai 2015 Keine Kommentare

Schaut man an einem trüben Tag am Zürichhorn auf den See hinaus, sieht man leicht verschwommen die Schiffe vorbeituckern, gegen Horgen scheint sich der See zum Meer zu erweitern. Ein idyllisches Bild.

Weniger beschaulich geht es an schönen Samstag- oder Sonntagnachmittagen zu und her, wenn man am Seeufer vom Bellevue ans Zürichhorn spaziert. Macht einen das Bad in der Menge ganz nervös, aber man möchte beispielsweise Freunden aus dem Ausland das Seebecken zeigen, so ist man froh, wenn man zwischendurch ein ruhiges Plätzchen findet. Genau in der Mitte der Strecke befindet sich eine solche Oase: das Johann Jacobs Museum.

Normalerweise etwas versteckt hinter einer Parkplatzreihe mit den neusten BMWs, Mercedes, Maseratis und Porsches befindet sich die Villa an bester Lage – und doch kennen sie nur wenige. Als Kaffeetrinker bin ich jahrelang am Museum vorbeispaziert und habe immer gedacht, eines Tages werde ich mir eine der Ausstellungen zum Thema Kaffeekultur anschauen. Aber so richtig wohlig kribbelig und hellwach wie nach einem guten Ristretto wurde ich nie, wenn ich die Ausstellungstitel gelesen hatte.

Nachdem ich die aktuelle Ausstellung im Untergeschoss besucht hatte und die edlen Räume im Erdgeschoss betrachtete, fragte man mich freundlich, ob ich gern einen Kaffee trinken möchte. Auf der Terrasse konnte ich in aller Ruhe ganz allein und mit einem angenehmen Abstand den vorbeiströmenden Menschen zuschauen.

Doch Ruhe wollte sich in mir nicht ausbreiten. Der Repräsentationsraum im Erdgeschoss ist trügerisch. Denn seit der Umbau des Hauses im Jahr 2013 fertiggestellt wurde, ist Roger Martin Buergel Direktor des Hauses, und es weht ein rauher Wind im Jacobs Museum. Buergel weitete das Konzept des Museums aus und zeigt nun globale Handelswege und ihre komplexen Geschichten auf. Beschauliche Ausstellungen sind nicht sein Ding.

Buergel ist nicht irgendwer: Er leitete 2007 die «documenta 12» in Kassel, eine der Grossereignisse für zeitgenössische Kunst. Während er in Kassel sozusagen die halbe Stadt mit Kunst bereichern durfte, stehen ihm am Seefeldquai 17 drei kleine Räume zur Verfügung.

Und da schweben mitten im Raum der Ausstellung «Follow the Leader» (noch bis 7. Juni 2015) zehn Umrisse von rund ein Meter langen Kriegsschiffen. Die österreichische Künstlerin Ines Doujak liess sie aus Plexiglas sägen. Es sind Schiffe von einstigen und heutigen Kolonialmächten. Die eine Seite beklebte die Künstlerin mit Lammfellen, sodass die Umrisse der Schiffe unklar und von weitem verschwommen sind und der Zuschauer beim Eintritt in die Ausstellung quasi aufs Meer hinausschaut zu entfernt kreuzenden Schiffen. Doch seltsam, es hängen an jedem Schiff fünf bemalte Strausseneier.

Je näher man zu den Objekten tritt, desto klarer und konkreter sieht man, was auf der Rückseite der Schiffe und der Oberfläche der Eier abgebildet ist. Durch das Plexiglas schaut man auf Szenen aus Hermann Melvilles Erzählung «Benito Cereno»: die Geschichte von einem Sklavenaufstand auf hoher See. Doujak liess sie von Skinheads und Punks nachspielen und fotografierte sie.

Die Künstlerin sammelte zudem Unterlagen zu zehn politischen Gruppierungen: von Organisationen gegen den Frauenhandel über die Selbstmordattentäterinnen im tschetschenischen Freiheitskampf bis hin zu den «Black Panthers». Die Recherche zu den Gruppierungen übergab Doujak Künstlerinnen und Künstlern mit dem Auftrag, auf den Strausseneiern die Revolten und Kämpfe der Gruppierungen darzustellen.

Die idyllische Oase am Seefeldquai ist also trügerisch. Unter dem Boden erwartet einen eine sehr anspruchsvolle Ausstellung, die einem die dunkeln Seiten und (Handels-)Wege der Menschheit aufzeigt. Sie sind, wie Ines Doujaks Werk, nicht vollkommen entwirrbar und beängstigend. Und in diesem Licht erschien mir, als ich aus dem Museum in Richtung Bellevue ging, der Menschenstrom am Zürichseeufer ganz harmlos und fast schon beruhigend.

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