Menu

Urban Gardening: Mehr als nur ein Agendaeintrag

Von der selbstgezogenen Tomatenstaude auf dem Balkon über gemeinschaftliche Quartiergärten bis hin zum klassischen Schreber- bzw. Familiengarten – wir Stadtzürcher haben verschiedene Möglichkeiten, den aktuellen Trend des Urban Gardening zu pflegen. Gerade in den Familiengärten kommt es aber immer wieder zu Konflikten mit den Alteingesessenen.

Mit dem Stammtisch «Lifestyle-Gärtner oder Selbstversorger?» lud Karl der Grosse letzte Woche Vertreter von verschiedenen städtischen Gartenformen ein, um einerseits über diese Konflikte, andererseits aber auch über die verschiedenen Möglichkeiten und Zukunftschancen des urbanen Gärtnerns zu diskutieren. Mit einer buntgemischten, etwa 25-köpfigen Gruppe debattierten Thomas Dimov, Initiant und Geschäftsführer des Projektes Merkurgarten, Willi Kloter vom Quartiergarten Hard, Esther Thalmann, Landwirtin, Natur- und Umweltfachfrau und Familiengartenbesitzerin, und Marc Werlen, Leiter Kommunikation von Grün Stadt Zürich.

Als stille Zuhörerin konnte ich schnell einmal verstehen, wieso bei dem Thema verschiedene Vorstellungen aufeinanderprallen. Trends bringen Mitläufer mit sich, und ich glaube Familiengartenbesitzern, dass der Aufwand, der in einen Garten gesteckt werden muss, von Neupächtern, darunter viele junge Familien, unterschätzt wird. Mit den heutigen Familienstrukturen, in denen meist beide Eltern berufstätig sind, bleibt nur wenig Zeit, um sich der doch intensiven Tätigkeit zu widmen. Und dann sind da noch die vielen Regeln, die zu beachten sind. Regeln, die für Alteingesessene Sinn machen, die aber nicht unbedingt in unser möglichst selbstbestimmtes und individualistisches Leben passen.

Man dürfe das jetzt aber nicht verallgemeinern, meinte Esther Thalmann, sie habe immer wieder nette und interessante Begegnungen mit langjährigen Pächtern und schätze den Austausch mit Menschen, die sie anderswo nie kennengelernt hätte. Es brauche halt Toleranz von beiden Seiten. Nichtdestotrotz: Die Pflege eines Familiengartens sei mehr als nur ein Agendaeintrag. Nicht der Terminkalender bestimmt, wann gegossen und geerntet werden muss, sondern der Garten, das Wetter, die Jahreszeit.

Eine gute Einstiegmöglichkeit für Laien-Gärtner scheinen mir die offenen Gemeinschaftsgärten zu sein. Da ist beispielsweise der von Thomas Dimov vorgestellte Merkurgarten auf der Kreuzbühlwiese in Hottingen. Hier werden nicht nur kleine Gartenbeete und die Nachbarschaft gepflegt, auch Schulklassen kommen zu Besuch, und es finden immer wieder kulturelle Anlässe statt.

Auch in den anderen Gemeinschaftsgärten spielt der soziale Faktor eine grosse Rolle. Nach einigen Wochen aktiver Teilnahme habe man schnell einmal mehr Leute aus dem Quartier kennengelernt als in den Jahren zuvor, erzählte Willi Kloter. Sein Quartiergarten Hard wirkt sehr dynamisch. Zusätzlich zu den gemeinschaftlich genutzten Beeten gibt es individuell bepflanzbare «Experimentiergärten», eine Spielwiese und Ruhezonen. Auch hier wird Schul- und Jugendarbeit betrieben, und am Freitagabend trifft man sich typisch schweizerisch zum Grillieren.

Und wie sieht es in den Gemeinschaftsgärten mit Regeln und Konflikten aus? Die Regeln werden überall ein bisschen anders gehandhabt, oft wird erst einmal beobachtet und abgewartet. Eine konfliktfreie Zone sind auch gemeinschaftlich organisierte Gartenvereine nicht, aber aus Konflikten könne man lernen, und sie gehörten schliesslich zum Zusammenleben dazu, meinte Thomas Dimov. Was klar ist: Auch Gemeinschaftsgärten funktionieren nicht ohne Freiwilligenarbeit. Ich finde es bewundernswert, wie viel persönliches Engagement hier eingebracht wird.

Vielleicht hat noch nicht jeder interessierte Zürcher den passenden Gartenplatz gefunden. Durch das grosse Angebot der Stadt und die Bereitschaft von Grün Stadt Zürich, private Ideen zu unterstützen, sollte dieses Problem aber lösbar sein. Mein Urban Gardening beispielsweise beschränkt sich zur Zeit auf Kräuter, Tomaten und Beeren auf dem Balkon. Ich kann mir aber gut vorstellen, eines Tages Mitglied eines Gemeinschaftsgartens zu sein und Gemüse und Früchte für meinen täglichen Bedarf selbst zu erwirtschaften.

Kommentieren