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Urs Frei und das Unkalkulierte

Von Felix Ghezzi 25. November 2014 1 Kommentar

Urs Frei macht mich beim Fotografieren seines Ateliers auf die noch feuchte Farbe der Bilder aufmerksam, die am Boden liegen – nicht wegen den Bildern, sondern wegen meinen Schuhen. Später stösst Pascal Marchev von der Zürcher Galerie Mark Müller dazu, um für die Gruppenausstellung «Markshmallow» Werke auszusuchen. Er nimmt schliesslich ein bemaltes Kissen und vier Bilder mit – die rahmenlosen Leinwände rollt Frei einfach zusammen und steckt sie ungeschützt unter die Schnur des verpackten Kissens, das Marchev im Tram zur Galerie transportieren wird.

Urs Freis scheinbar nachlässiger Umgang mit seiner Kunst ist auf den ersten Blick Understatement. Dass es über seine Bilder und Objekte nicht viel zu sagen gebe, wie er anfangs meines Besuchs sagt, ist bestimmt Bescheidenheit. In den nächsten eineinhalb Stunden erzählt der 56-Jährige gerne, präzise und ausführlich über die Entstehung seiner Werke und den Weg, den er in den letzten über 35 Jahren als Künstler gegangen ist.

Nach unzähligen Museumsbesuchen, Collagen im stillen Kämmerlein und einer kaufmännischen Lehre entschied sich Urs Frei ganz für die Kunst. Von der Farbigkeit seiner späteren Werke war er damals noch weit entfernt. Mit der Idee, Gegenständliches auf Spiegel zu zeichnen, ging er in Zürich in Zeichenkurse des ungarischen Künstlers Benito Steiner. Er merkte jedoch schnell, dass seine Talente, aber auch Interessen anderswo lagen. Urs Frei faszinierte das Unfertige, Rohe, die braunen, schwarzen, grauen Farbtöne. Er schlich auf Baustellen herum und stellte sich vor, wie es wäre, wenn ein Haus nicht an allen Stellen fertig gebaut und Teile davon im Rohbau belassen würden.

Seine frühen Werke sind denn auch aus gefundenem Holz und Beton gefertigt. Ihn interessierten die Materie als Materie und die Voraussetzungen der Kunst, etwa Keilrahmen – auf die man die Leinwand spannt –, die er auseinandernahm und abstrakte Objekte daraus machte.

Der Zugang zur Farbe war für Frei kein einfacher, und es dauerte lange, bis er schliesslich an der Städelschule in Frankfurt am Main (1982–1984) einen Pinsel in den Farbtopf tauchte. Es entstanden Bricolagen, gefundene Gegenstände wurden zusammengeschnürt, gestapelt und mit Farbe angemalt; Zeitungsbündel oder Stoffsäcke in leuchtenden Farben an die Wand gehängt.

Ab 1988 hatte Urs Frei regelmässig Ausstellungen in Galerien und Kunsthallen, vor allem in der Schweiz, aber auch in Österreich, Deutschland und Italien. Der damalige Leiter der Kunsthalle Zürich, Bernhard Mendes-Bürgi (heute Direktor des Kunstmuseums Basel), zeigte Freis Werke 1994 in seinen Räumen und war als Kommissionsmitglied mitverantwortlich, dass Frei die Ehre zukam, 1997 an der Biennale di Venezia in der Chiesa San Stae ausstellen zu dürfen.

Dieses Ereignis war für Frei allerdings ein zwiespältiges. Es sei nicht gerade ein Misserfolg gewesen, denn die Kritiken waren durchaus gut, aber es entstanden nicht wie erhofft zusätzliche Möglichkeiten um auszustellen. Als die darauf folgende Ausstellung bei Hauser, Wirth & Presenhuber (heute gehören die beiden Galerien Hauser & Wirth und die Galerie Eva Presenhuber zu den globalen Top-Playern der Kunstwelt) für die Kunsthändler finanziell unbefriedigend verlief, liessen sie den Künstler gleich wieder fallen.

Urs Frei musste sich auf eine völlig neue Situation einstellen. Die nächste Einzelausstellung fand erst fünf Jahre später statt. Inzwischen hat er in Mark Müller wieder einen Galeristen gefunden, und er hat gezwungenermassen gelernt damit zu leben, dass er und seine Kunst weniger umworben werden.

Seit ein paar Jahren sucht Urs Frei in seinen Arbeiten eher nach Bildern als nach Objekten, und er tut dies auf rechteckigen Flächen. Das ist nicht selbstverständlich. Er hat «schaurig Mühe» mit dem rechteckigen Format. Bei meinem Besuch im Atelierhaus Wuhrstrasse unweit des Manesseplatzes liegen unter anderem Dutzende bemalte Leinwände im Format 30 x 40 cm neben- und aufeinander. Sie waren ursprünglich Teil von neun Bildern mit den Massen 220 x 500 cm und hatten gerade Platz auf dem Atelierboden. Nachdem der Galerist Mark Müller ihm zu verstehen gegeben hatte, dass er keine Käufer für solche riesigen Formate finden könne, hat sich Frei ein Stück weit dem Kunstmarkt unterworfen. Nun arbeitet er parallel an mehreren dieser Bilder. Sie entstehen auf dem Boden; er fühlt sich dabei beweglicher und es gibt von den Farben keine Rinnspuren.

Der malerische Duktus, der teilweise trotzdem aussieht wie Rinnspuren, stammt meist von einem Kaffeefilter aus Plastik. Frei giesst den Acryllack in das Gefäss und danach direkt und sehr gezielt auf das Werk. Je nachdem, ob der Filter zwei, drei oder vier Löcher hat, gibt es andere Strukturen. Dabei verwendet er bewusst Farbe aus der Migros. Denn die lichtbeständigeren und teureren Künstlerfarben «wirken schon malerisch an und für sich, ohne dass man etwas dafür tun muss».

Urs Frei hat jeweils ein Bild im Kopf, wenn er ein Werk beginnt. Das Bild verändert sich dann während des Malprozesses. Dabei spielt auch der Zufall eine wichtige Rolle, den er durchaus auch selbst herausfordert, wenn er auf ein Bild ein präpariertes Kissen legt und dieses mit Farbe bearbeitet, wenn er beim Gang durch das Atelier auch mal auf einem Bild stehen bleibt oder den Besucher zwischen den herumliegenden Bildern fotografieren lässt.

Nein, es ist keine Nachlässigkeit im Umgang mit seiner Kunst, im Gegenteil: Man hat das Gefühl, Urs Frei brauche noch immer das Rohe, Unfertige, Zufällige, um manchmal schwermütige, meist aber wunderbar leuchtende und leichte Kunstwerke zu schaffen.

Werke von Urs Frei sind in nächster Zeit in folgenden Gruppenausstellungen zu sehen:
Galerie Mark Müller, Zürich: «Markshmallow», 22.11.2014 – 10.1.2015
Helmhaus Zürich: «Nie jetzt – Kunst aus Zürich», 5.12.2014 – 25.1.2015
Kunstmuseum St. Gallen: «Elementare Malerei», 20.9.2014 – 25.1.2015

Fotos: Felix Ghezzi

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